Kampf der Kulturen oder “Quo Vadis” Abendland? Teil I [Julian]

Seit der Sarrazin-Debatte geistert in den deutschen Medien das Schlagwort des “judäo-christlichen Abendlandes” umher. Ich habe eigentlich wenig Bedarf den Scharen an jung-konservativen Autoren nachzueifern, und dieses unwirkliche Konstrukt auseinanderzunehmen; ist es doch Hab und Gut jedes klar denkenden Menschen, dass der “jüdische Zusatz” dieser zeitgeistlich geprägten Erfindung bloßes Zugeständnis an den politisch korrekten Zeitgeist dieser Tage ist. Worauf bezieht sich diese Fiktion des Informationszeitalters also? Auf den Holocaust, jenen tragischen Genozid an den jüdisch-gläubigen Vertretern unter uns Europäern? In der dargebotenen Form wohl kaum…vielmehr ist es der klägliche (und  sicherlich nicht mehr als 20 Jahre alte) Versuch, durch eine Verbindung zwischen Christentum und Judentum einen scheinbar offensichtlichen, jedoch auf den zweiten Blick mehr als leidlich daherfabulierten Schulterschluss zwischen Abendland und Judentum zu erschaffen, was nicht mehr als eine Reue- und Demutsbezeugung eines ungesunden Schuldkultes ist.

Doch ich will ablassen von dieser aktuellen Äußerung kriecherhafter Unterwerfung. Schon das Schlagwort des christlichen Abendlandes bietet Angriffsfläche genug: Selten konnte eine so perfide Konstruktion Eingang in den politischen oder religiösen Diskurs finden. Gerne benutzt von neo-liberalen CDU/CSU’lern oder Geistlichen, bildet das christliche Abendland eine vorgegaukelte und nicht zu fassende Einheit aller Nationen Europas, die – losgelöst von der nüchternen, religionswissenschaflichen Betrachtung – irgendwas mit Jesus und den netten Märchen drumherum zu tun haben. Doch was ist dran an der Mär vom Okzident Mater Ecclesia?

Garnichts. Betrachten wir die scheinbare Grundlage unserer westlichen, europäischen “Zivilisation”, die 10 Gebote:

Die ersten drei Gebote, die der christliche Gott Moses auf dem Berg Sinai gegeben haben soll, haben rein rituellen Charakter (Sabbatruhe usw.) und damit nichts mit Moral oder Ethik zu tun. Die letzten zwei verbieten bereits das Begehren von fremdem Gut bzw. Frauen und sind damit psychologisch wie juristisch gesehen schlichtweg blanker Unsinn. Das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, ist recht ungenau und ungreifbar- soll vielleicht heißen, dass sie in Zeiten ohne Rentenversicherung von ihren Kindern zu versorgen sind. Genehmigt, aber nicht besonders originell. Ist eigentlich überall so, wo es keine Rente gibt. Bleiben vier, die Mord, Diebstahl, Ehebruch und falsche Zeugenaussage verbieten. Auch nicht originell. So einzigartig, dass man dafür einen Gott braucht, ist es wirklich nicht. Immerhin handelt es sich hierbei um Regeln, die ähnlich, jedoch meist in viel komplexerer Ausarbeitung von sämtlichen vorchristlichen Hochkulturen ausformuliert wurden.

Selbst wenn man dem Christentum eine besonders hohe Moral oder Ethik zuschreibt, heißt dies noch lange nicht, dass auch sein Gottes- und Weltbild stimmen muss. Religion und Ethik werden ständig vermischt sind de facto aber zwei Paar Schuhe, in denen schon die griechischen Philosophen getrennt marschierten. Seit 2500 Jahren wird Ethik unabhängig von der Religion begründet, und das nicht nur in der Philosophie. Auch religiöse Denker aller möglichen Religionen inklusive der biblische Jesus kamen alle zu demselben Schluss, den man gemeinhin die “goldene Regel” nennt: Anderen nichts anzutun, was man selbst nicht erleiden möchte (jedenfalls nicht ohne Not – natürlich gibt es überall auch die Notwehrregel und eine Rechtsgüterabwägung). Das ist eine schlicht menschliche Sache, die nichts mit Religion zu tun hat. Jeder, der menschlich fühlt und denkt, kann sie begreifen. Darauf baut auch die säkulare Ethik seit der neuzeitlichen Aufklärung auf.

Das christliche Abendland ist also ein Mythos. Vielleicht gab es eine Epoche, in der dieser Bezeichnung einmal zu traf. Gemeinhin wird diese Ära auch Mittelalter genannt. Die besagte Aufklärung und vor ihr schon der Humanismus der Renaissancezeit (bezeichnenderweise aus der Wiederentdeckung der heidnischen Antike entstanden) haben Kultur und Gesellschaft Europas von Grund auf verändert. Man muss die angeblich 2000, tatsächlich höchstens 1700 (seit Konstantin), 1200 (seit Karl) oder 1000 Jahre christlicher Geschichte erst gar nicht gegen die 20- 40.000 heidnischen Jahre aufrechnen, die 4-500 neuzeitlichen reichen und sind auch für Nichtheiden aktuell.

Ein Vorrecht von wegen christlicher Kultur gibt es daher nicht. Auch dann nicht, wenn wir wirklich noch eine christliche Kultur hätten, denn zumindest theoretisch (wird ja reichlich unterlaufen) gibt es in demokratischen Staaten die Trennung von Staat und Religion, und Kultur ist sowieso kein rechtliches Kriterium (oder darf ein Marokkaner seine Frau prügeln?). Der Staat und seine Institutionen dürfen keine Religion oder Kultur benachteiligen und damit auch keine bevorzugen. Theoretisch, wie gesagt…

~ von 21ghostwriters am 14. Dezember 2010.

Eine Antwort to “Kampf der Kulturen oder “Quo Vadis” Abendland? Teil I [Julian]”

  1. Richtig!
    Aber eine Partei, die die christliche Eigenschaft sogar in ihrem Namen trägt, muß zwangsläufig in dieses Horn blasen.

    Islam, Christen- und Judentum kommen alle aus der gleichen Ecke, dem Morgenland. Zwar sind ihre Anhänger auch Teil Deutschlands, aber nicht die Religionen an sich.

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