Sword&Sorcery Ästhetik Teil I

Weird_Tales_May_1934

Conan in den 30ern …

Am Anfang stand ein Autor. Und mit ihm seine bekannteste Schöpfung: Conan der Barbar. Muskelbepackt, mit schwarzer Mähne – Ein Dieb, ein Plünderer und ein Mörder, „mit gigantischer Melancholie und gigantischem Frohsinn, gekommen, um die juwelenbesetzten Throne der Welt unter seinen Sandalen zu zertreten“.
Betrachtet man die originalen Cover der Weird Tales-Magazine aus den 30ern, dann fällt sofort der optische Unterschied zur gegenwärtigen Gestaltung Conans auf. Anders als das tradierte Barbaren-Klischee, wurde der Cimmerier in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts viel stärker als idealisierter Heroe antiken Vorbilds interpretiert und trug – der damaligen Mode entsprechend – kurzes, nach hinten gekämmtes Haar. Der berühmte Künstler Frank Frazetta wiederum orientierte sich  mehr an den Beschreibungen Robert E. Howards und entwarf gut 30 Jahre nach der Erstpublikation von The Phoenix on the Sword einen grimmigen, kantigen und langhaarigen Conan, der auch gut in eine klassische Heavy Metal-Band gepasst hätte. Am Ende setzte sich Frazettas Interpretation des Charakters durch und gilt bis heute als Richtgröße jeder modernen Conan-Illustration.

Zugegeben, meine Vorstellungen von Stimmung und Setting sind primär visueller Natur, was zum einen an John Milius Conan-Verfilmung von 82′, wie eben auch an Frazettas Illustrationen liegt, die Comics, Computer-Spiele und Filme inspirierten und immer noch inspirieren. Bevor ich überhaupt von einer literarische Gattung namens Sword&Sorcery wusste, kannte ich die visuellen Trademarks des Genres und integrierte sie später beim Lesen in meine Vorstellungswelt. Blickt man zurück, so lässt sich feststellen, dass Howard als inhaltlicher und Frazetta als  optischer Pionier des Genres gelten darf. Runtergebrochen auf ein paar Schlagworte lässt sich Sword&Sorcery wohl am ehesten so beschreiben:

2176694-94

… und in den 90ern

I – Fellhosen, Äxte und Zaubersprüche 

Seien es Darstellungen von Conan, Thongor, Imaro oder Fafhrd: Immer steht die Inszenierung des männlichen Körpers und der zugehörigen Bewaffnung im Mittelpunkt. Wie auch in den Texten selbst, spielen Waffen wie Breitschwert, Axt, Morgenstern und Dolch eine herausragende Rolle und sind im Bild die logische Fortführung der oft detaillierten, literarischen Beschreibung. Im Gegensatz dazu scheint textile Bekleidung eine eher untergeordnete Rolle zu spielen. So wird – und hier unterscheidet sich die optische Darstellung oft in erheblicher Weise von den Texten – eine sexuell-konnotierte Nacktheit der Protagonisten inszeniert. Bei weibliche Helden wie Jirel von Joiry oder Red Sonja wird dies in besonderer Weise deutlich. Im Kontext des Genres dient Nacktheit zum einen der Akzentuierung der barbarischen Wildheit seiner Protagonisten, rührt zum anderen aber auch aus der Tradition der Pulp-Magazine,  die nackte Haut auf ihren Covern gern zum Zweck der “Kundenaquise” in einer vorwiegend männlichen Käuferschicht einsetzten. So war die halbnackte “Beute-Frau” meist obligatorisch und musste auch in den Geschichten einen “Sex&Romance”-Aspekt bedienen.

red_sonja_image_05

Hauptsache Kettenhemd: Red Sonja

tumblr_mjmoczHxKO1r0rrcuo1_1280

Conans Frauenbild ist eher bodenständig

Bis auf wenige weibliche Helden ist die Rollenverteilung des Genres relativ eindeutig und von einem patriarchalisch-ausgerichteten Sexismus geprägt: Männer sind Eroberer und Frauen Eroberungsobjekte. Ausnahmen können Zauberinnen sein, die ihre Lust an männlichen Gefangenen stillen, oder nymphomanische Amazonen. Hinzu kommt eine meist unkomplizierte Haltung zur Prostitution, die sich in einer ständigen Verfügbarkeit käuflicher Liebe ausdrückt. Bordelle und Huren unterstreichen im Kontext urbaner Abenteuer die moralische, wie zivilisatorische Verkommenheit einer dekadenten Kultur.

II – In den Städten

ageofconan_environment_barracks_square

Concept Art aus Age of Conan

Die Stadt selbst ist der Gegenentwurf zu der rohen Vitalität des Protagonisten und Hort des Unnatürlichen: Kriminalität, Korruption, Verfall und schwarze Magie prägen die typischen Metropolen des Genres. Sie sind dreckig und voller Gefahren, denen sich der Held während seines Aufenthalts stellen muss. Soziale Interaktion findet fast immer in zwielichtigen Tavernen statt, in denen sich der Abschaum der Menschheit in einem nie enden wollenden Trinkgelage ergeht. Fritz Leibers Lankhmar, in der die meisten Abenteuer der Diebe Fafhrd und dem grauen Mausling spielen, ist hierbei stilprägend: Überbevölkert und dekadent, wird die Metropole als unübersichtliches Labyrinth von Gassen und Plätzen beschrieben. Zentraler Treffpunkt der Stadt ist die mächtige Diebesgilde oder der Plaza der dunklen Gelüste, der auch Schauplatz der beliebten Lankhmar-Story Bazaar of the Bizarre ist.

Die fremden Sterne der Welt Nehwon funkelten dicht über der Stadt Lankhmar und ihren schwarzen Dächern, wo Schwerter fast so oft klirren wie Münzen.

– Fritz Leiber: Bazaar of the Bizarre

Andere Städte wiederum sind durch ihre übertriebene und exotische Prachtentfaltung definiert. In der blumigen Sprache Robert E. Howards nehmen Türme, Paläste und goldene Kuppeln im urbanen Setting eine gewichtige Rolle ein und erinnern an persische, byzantinische und römische Vorbilder. Beeinflusst davon, beschreibt Lin Carter in seinem Thongor-Zyklus die lemurische Hauptstadt Patanga wie folgt:

Die Sonne brannte hinunter auf die flammengelben Mauern der mächtigen Stadt, schlug Feuer aus den gebrannten Schindeln auf den spitz zulaufenden Dächern der Türme und schimmerte grell auf den Kuppeln aus vergoldetem Messing und grünlichem Kupfer. […] Er gelangte durch das hohe Westtor und ritt auf dem gewaltigen Thorischen Weg, jener Prachtstraße, die das Herz der Stadt bis zu dem großartigen Palast in Patangas Mitte durchschnitt. Ringsum erhoben sich Paläste und Tempel, Wohngebäude und Handelsstätten – staunenswert, in tausend Farben schillernd, von barbarischer Pracht strotzend. Bunte Teppiche und glänzende Banner hingen von Balkonen und Fenstern und Mauern; Flaggen entrollten sich von Minaretts und Türmen. Herrliche Fassaden aus gemeißeltem Marmor, behauenem Stein oder schillerndem Mosaik fingen die Mittagssonne ein. Im großen Bazar von Patanga schrien und gestikulierten Händler unter orange, blau und blutrot gestreiften Vordächern. Grüne Bäume trugen ihre Laublast, die kühle Schattenseen auf das heiße Pflaster warfen, und hier und dort sah man zwischen Gebäuden Gärten voll phantastischer  Blumen.

– Lin Carter: Thongor against the Gods

ageofconan_environment_coast_of_ardashir

Concept Art aus Age of Conan

In meinem Logwar-Zyklus habe ich versucht, an einige dieser überlieferten Beschreibungs-Stränge anzuknüpfen. Die Stadt Oskan, in der sich Logwar sein Brot als Gladiator verdient, ist eine unübersichtliche Ansammlung schwarzer Steinhäuser, die sich an den Flanken eines erloschenen Vulkans hochrankt. Am Fuß des Berges liegen die heruntergekommenen Slums und billige Vergnügungsviertel im dichtem Smog der fürstlichen Kanonengießerei, während die oberen Hanglagen für die Paläste der Patrizier reserviert sind. Das starke Klassengefälle des oskanischen Gesellschaft wird von einer innerstädtischen Mauer symbolisiert, die Oberstadt und Unterstadt voneinander trennt.

Logwar atmete tief ein, als ob er für lange Zeit die Luft angehalten hatte, dann blickte er sich um. Hoch über ihnen kauerten die schwarzen Festungsanlagen des fürstlichen Palastes am Hang; die Distanz die sie zurückgelegt hatten war deutlich größer, als er während ihrer Flucht durch die Kanäle angenommen hatte. Sie waren in einem schäbigen Hinterhof an die Oberfläche gekommen, eingerahmt von den typischen krummen Steinhäusern Oskans. Augenscheinlich war hier im Schutz der Behausungen ein illegaler Markt errichtet worden. Einige dutzend Händler hatten bunte Tücher über ihre Stände gespannt und boten lautstark allerlei exotische Waren an, deren Verkauf woanders zu viel Aufsehen erregt hätte. Es roch nach Tieren, ungewaschenen Menschen und den beißenden Dämpfen der fürstlichen Kanonengießerei.

Anders als die Wildnis mit ihren tierischen Kreaturen, ist der urbane Raum dem Menschen vorbehalten. Der Feind kommt hier aus den eigenen Reihen, das Umfeld wird selbst zum Gegner. Frei nach Howards These, Zivilisation sei nur die Schminke einer im Grunde barbarischen Menschheit, ist die Stadt ein Ort der permanenten Bedrohung: Korrupte Politiker, machthungrige Priester,  Menschenhändler, Outlaws, Auftragsmörder und fanatische Kultisten können dem Helden hier nach dem Leben trachten.

Zu Teil II

Advertisements

~ von 21ghostwriters - 2014/03/30.

5 Antworten to “Sword&Sorcery Ästhetik Teil I”

  1. Hat dies auf Treffpunkt Phantastik rebloggt.

  2. […] Auf …21st century ghostwriter… startet eine Serie über Ästhetik im Fantasy-Bereich – hier der LInk zum ersten Teil […]

  3. […] Zu Teil I […]

  4. […] gibt, dann ist es eine wie auch immer geartete Gleichstellung der Geschlechter. Wie bereits hier ausgeführt, ist die Rollenverteilung des Genres, bis auf wenige weibliche Helden wie Red Sonja […]

  5. […] musikalischer Beitrag. Über die der Sword&Sorcery-Gattung eigenen  Ästhetik habe ich  ja hier und hier schon ausführlich geschrieben, nun soll es also um die klangliche Interpretation  der […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: