Leseprobe: Das Gilgamesch-Gerät [Cthulhu-Mythos]

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Menschenopfer

Der folgende Absatz stammt aus meiner etwas älteren Novelle, Arbeitstitel: Das Gilgamesch-Gerät. Die anerkannte Archäologin Dr. Helen Darsky reist auf Einladung ihres alten Freundes John Poulsen in den Irak, um bei neuen Ausgrabungen an einer vorgeblich sumerischen Kultanlage zu assistieren. Dort angekommen, stellt sich schnell heraus, dass niemand anderes als der berüchtigte Holländer Adam DeRuijter die Ausgrabung leitet, ein Professor von zweifelhaftem Ruf und kruden Theorien zur  Entstehung der menschlichen Rasse. Der fanatische John und sein Mentor DeRuijter überreden Helen zu bleiben und teilen ihr die sensationellen Forschungsergebnisse der bisherigen Ausgrabung mit. Die Tempelanlage scheint weit älter zu sein, als gemeinhin angenommen. Unter der Anlage wurde der Eingang zu einer riesigen Nekropole entdeckt, mit menschlichen Knochen riesenhaften Wuchses. Die sagenhaften Nephilim? Helen traut ihren Augen nicht und sieht ihr Weltbild plötzlich auf den Kopf gestellt. In einer weiteren Krypta findet das ungleiche Trio schließlich eine mysteriöse Maschine, die sowohl die Bagdad-Batterie, als auch den Mechanismus von Antikythera an Komplexität und Alter in den Schatten stellt. Der Apparat wird geborgen und untersucht. Dann verschwinden zwei irakische Archäologie-Studenten des Nachts spurlos aus dem Lager und werden Tage später tot in den Dünen aufgefunden. Tief unter dem Sand schlummert eine uralte Macht, um die nur einer der drei Wissenschaftler weiß…

Das Gilgamesch-Gerät war 2012 mein liebstes Baby, leider musste ich kurz vor Ende abbrechen, weil…Dinge. Ich bin aber guter Hoffnung, dass ich den Faden demnächst wieder aufnehmen, und die bald 60 Seiten um ein würdiges Ende erweitern kann. Interessanterweise spiegelt die Story ganz gut mein Verhältnis und auch mein Verständnis von H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos wieder. Ich habe versucht, den Spagat zwischen Lovecrafts vagen Horror und dem systematischen Mythos eines Derleth oder Carter zu vollziehen, mit meiner Meinung nach zufriedenstellendem Ergebnis. Es dürfte also nicht verwundern, wenn der geneigte Leser das ein oder andere Versatzstück oben genannter Autoren wiedererkennt. Doch nun soll die Leseprobe für sich sprechen:

Behutsam half ich John die groben Treppenstufen zur Senke hinab und bettete ihn in einiger Entfernung zum Lager auf einen Dünenausläufer. Hier waren wir einigermaßen geschützt.
Dann versorgte ich die Einschusswunde und band das Bein kurz unterhalb des Hüftknochens notdürftig ab. Meine beige Fleece-Jacke legte ich ihm über Brust und Schultern, um der nächtlichen Kälte entgegenzuwirken.
“Du hast Glück gehabt, die Wunde ist nicht lebensgefährlich. DeRuijters Schuss hat deine Arterie knapp verfehlt. Es ist mir fürs erste gelungen, die Blutung zu stoppen. Aber du musst versuchen, dein Bein hin und wieder zu bewegen. Das wird wehtun, ist aber notwendig bis ich die Schmerzmittel und Blutstiller gefunden habe!“
John nickte und aus seinen Augen sprach tiefes Bedauern. „Ich habe nicht geahnt, dass es soweit kommen würde, Helen. Hätte ich gewusst, was DeRuijter vorhat, dann wäre ich nie auf die Idee gekommen, dich …“
Ich machte eine abwehrende Handbewegung. „Dafür ist es jetzt zu spät. Aber du bist mir eine Erklärung schuldig bist. Für diese Dinge, die passieren. Was hat der Professor vor?“
Johns Blick verengte sich, irgendetwas schien an ihm zu nagen. Dann seufzte er und begann zu erzählen, erst stockend, dann immer bereitwilliger, so, als würde er sich eine große Last von der Seele reden.
„DeRuijter ist besessen von den Ursprüngen prähistorischer Mythen. Du weißt ja: Seine Werke zu den verlorenen Zivilisationen Mesopotamiens und Süd-Amerika sowie seine regelmäßigen Artikel in diversen Abhandlungen zu Hochkulturen vor der ersten Eiszeit brachten ihn in herkömmlichen Wissenschaftskreisen schnell den Ruf eines Phantasten ein. Andere wiederum hielten ihn für einen Visionär, einem Pionier auf dem Gebiet der vorgeschichtlichen Ethnologie, dessen unorthodoxe Arbeitsweise den einen oder anderen Abweichler beeindrucken konnte, mich eingeschlossen. Er hatte noch den Lehrstuhl in Amsterdam inne, als er sein berüchtigtes Opus Magnum veröffentlichte. Ich weiß, dass du es nie gelesen hast, aber Monuments of prehistoric mankind in the light of the Sarnath-Cycle sollte dir trotzdem ein Begriff sein.“
Ich nickte stumm. Das Werk erschien 1999 und löste innerhalb Fachwelt einen regelrechten Proteststurm aus. Die Kollegen überschlugen sich mit Hohn und Ablehnung und drängten nach zahlreichen Debatten DeRuijter schließlich dazu, seinen Lehrstuhl aufzugeben.
“Zwei Jahre lang zog sich der Professor komplett aus dem Wissenschaftsbetrieb zurück, reiste scheinbar aus privatem Vergnügen in die entlegensten Winkel der Welt und führte das unverdächtige Leben eines reisefreudigen Ruheständlers. Während dieser Zeit stand ich mit ihm jedoch in regem Briefkontakt und aufgeregt schrieb er mir immer wieder von den wahren Beweggründen seiner Exkursionen. In vielen seiner Briefe berichtete er – ganz der Alte – von „unglaublichen Einblicken in die frühesten Epoche des Menschengeschlechts“ , von „nie geahnten Zusammenhängen darüber hinaus“ und immer wieder von „Schlüsselpunkten, Zivilisationswiegen ganz besonderer Art und Beschaffenheit“. Im Frühjahr 2001 erreichte mich dann schließlich ein aufgeregter Brief, in dem er mir in ungewöhnlich knappen Worten von der Existenz einer interessierten Gruppe von Männern berichtete, die er seine Sponsoren nannte, und mit denen er in China, unter mir nicht bekannten Umständen, zusammentraf. Diese Chinesen zeigten rege Anteilnahme an seiner Arbeit und seien, laut DeRuijter, von „erlesener Weisheit und Weitsicht“ und hätten ihm „ein Angebot von unglaublicher Unwiderstehlichkeit“ gemacht, welches er nicht ausschlagen konnte.
“Weißt du etwas Genaueres über diese Chinesen?“, unterbrach ich ihn in seinen Enthüllungen.
“So gut wie gar nichts. DeRuijter erwähnte sie nur noch ein einziges Mal vor mir. Als wir in der zentralen Mongolei nach den Überresten einer ehemaligen Besiedlung suchten, verschwand er für mehrere Tage nach Schanghai. Als er zurückkam, wirkte er blass und ausgezehrt … und auf eigenartige Weise nervös. Noch am selben Tag meinte er beiläufig zu mir, dass wir unsere Arbeiten beschleunigen müssten, die Sponsoren würden Ergebnisse erwarten.“
“Organisierte Kriminalität? Handel mit antikem Kunstgut?“
“Ich befürchte, das wäre noch die ungefährlichste Erklärung. Wir taten anschließend in einem Talkessel fernab jeglicher Zivilisation die Überreste einer Nekropole auf und DeRuijter ließ einige der gefundene Steintafeln sichtlich erleichtert nach Schanghai schaffen. Aber lass mich noch einmal weiter ausholen. Nach seinem zweijährigen Rückzug aus der Licht der Öffentlichkeit stand der Professor eines Tages unangekündigt vor meiner Tür. Er redete auf mich ein und beschwor mich, ihm bei seinen zukünftigen Aktivitäten zu assistieren. Ich sei „ein aufgeweckter Geist von besonderem Verständnis für ungewöhnliche Zusammenhänge“ und seine neusten Ansätze seien „im höchste Maße revolutionär“ und würden „das ein oder andere Gedankengebäude beträchtlich ins Wanken“ bringen. Von soviel jugendlicher Motivation und Ehrgeiz beeindruckt, willigte ich ein. Mentor und Schüler, wieder vereint. Für mich war es ein aufregender Neuanfang und die Gelegenheit, aus dem ewigen Kreis von Publikationen in pseudowissenschaftlichen Magazinen auszubrechen. Von da an sollte sich mein Leben von Grund auf ändern!“
“Durch die zahlreichen Expeditionen? Ich nehme an, die Gelder für diese ausgedehnten Forschungsreisen kamen aus China?“
“Nicht nur durch die Expeditionen, Helen – auch wenn ich zugeben muss, dass ich Fantastisches und Erschreckendes gesehen habe!“
Johns Gesicht wurde nun sichtbar angespannter, sein Redetempo zog deutlich an, hin und wieder unterbrochen von kräftigen Hustenanfällen.
“Ich habe in dieser Zeit den ein oder anderen Blick auf das werfen können was jenseits des Schleiers liegt. Nie vollständig oder absolut, kleine Bruchstücke nur, wie wenn jemand einen flüchtigen Blick durch ein Schlüsselloch wirft. Reste von dem, was einst war, was noch immer ist und was wieder sein wird. Es ist ein bisschen wie mit Platons Höhlengleichnis, verstehst du?“
Ich verstand gar nichts.
John bemerkte meinen hilfslosen Gesichtsausdruck sofort und wurde konkreter.“Helen, ich rede hier von einer Version der frühen Erdgeschichte, die nie Eingang in die Schulliteratur gefunden hat … und aus bestimmten Gründen auch nie finden wird. Es gibt da draußen … Dinge … du hast hier ja selbst das Unmögliche gesehen, handfeste Fakten direkt vor deinen Augen, deren Existenz du noch vor einer Woche kopfschüttelnd verneint hättest. Die skelettierten Überreste hünenhafter Vormenschen, die gigantische Nekropole unter dem Tempelkomplex, deren Ursprung bei weitem vor dem Zeitalter der Assyrer oder Sumerer liegt, die mechanische Apparatur aus der Grabkammer des Hohepriesters. Allein für sich genommen schon Entdeckungen, die die Geschichtsschreibung aufs Drastische verändern werden und den einzelnen Geist an die Grenze seiner Belastbarkeit führt. Aber das sind nur kleine Schlaglichter auf die Mysterien, auf die mich DeRuijter flüchtige Blicke hat werfen lassen. Ich habe weder die Zusammenhänge jener schrecklichen Wahrheit erkannt, noch glaube ich, dass selbst der Professor je dazu in der Lage gewesen ist.“
In meinem Kopf drehte sich alles. Um Himmels Willen, von was redete John da eigentlich? Sicher, mein gesamtes geschichtliches Weltbild war binnen weniger Tage zusammengebrochen, hatte mich von einer ernstzunehmenden Wissenschaftlerin zurück auf den Stand eines staunenden und nicht begreifenden Kindes katapultiert, aber diese vagen Andeutungen einer schrecklichen Wahrheit konnten doch nicht sein Ernst sein. Andererseits war ich inzwischen durch die Sinneseindrücke der letzten Tage so betäubt, dass ich mir erlaubte, Johns Redeschwall in Erwartung dessen, was folgen sollte, nicht zu unterbrechen.
Sie gehören nicht in diese Welt. Sie sind von außerhalb, stammen aus Räumen und Sphären, die für Menschen nicht fassbar sind. Selbst in den eingeweihten Zirkeln okkulter Logen hört man nur geflüsterte Halbwahrheiten über Ihre Existenz. Ich besuchte mit DeRuijter in den Jahren unserer Zusammenarbeit mehr als einmal die großen Bibliotheken dieser Welt, wo er tagelang über uralten Folianten zweifelhafter Herkunft brütete, deren InhaltIhr grässliches Wirken in der Geschichte dieser Welt behandelte. Helen, ich rede hier nicht von irgendwelchen Lexika oder Almanachen, sondern von verbotenen Büchern, die sicher in den unterirdischen Archiven der Bibliotheken verwahrt werden, und deren Einsicht nur unter strengsten Sicherheitsbedingungen und durch guten Leumund möglich war. Ich selbst durfte nur wenig davon lesen oder teilweise abschreiben, aber DeRuijter schwadronierte ungemein gerne von den kryptischen Texten und ihre Bedeutung für die Erdgeschichte. Über das Grauen aus den Tiefen der Zeit, das die Großen Alten sind. Ich habe dir unvorsichtiger Weise einige Kopien solcher Texte zustellen lassen, allerdings vorsorglicher Weise nur in unzusammenhängenden Fragmenten und ohne genauen Quellenbezug …“
„Die Großen Wer? Ich kann dir nicht mehr folgen, John. Ich bin ja bereit, gewisse Sachverhalte anzuerkennen, unzweifelhaft auch umwälzende Tatsachen die sich mir hier offenbart haben. Aber verborgene Wesenheiten egal-welcher Herkunft, die einen realen Bezug zu dem hier Geschehenen haben? Ich bitte dich! Das ist doch finsterer Aberglaube primitivster Art!“, schrie ich mehr, als dass ich es sprach.
„Wie bereits erwähnt, es ist wie mit Platons Höhlengleichnis. Wir sind die unwissenden Wesen in der Höhle und erhaschen hier und da nur einen Schatten von dem was wirklich ist. Doch erst die Umkehr von dem, was wir kennen und der Gang aus der Höhle zeigt uns die ganze Wahrheit. Und im Gegensatz zu Platon handelt es sich dabei mitnichten um eine wärmende Sonne, vielmehr scheint die Wahrheit von einer nicht greifbaren Dunkelheit erfüllt, der absoluten Umkehr alles Seins, aller bis dato angenommenen Wahrheiten und Tatsachen. Wir sind wie die fleißigen Bewohner einer Ameisenkolonie. Unsere Welt ist der Ameisenhügel, hin und wieder erkunden wir auf der Suche nach Beute unsere nächste Umgebung. Aber wir sind gefangen in unserem begrenzten Ameisenblickwinkel. Wir erahnen vielleicht gerade den uns umgebenden Wald, wenn auch unser Ameisengehirn sein Vorhandensein nicht im Ansatz greifen kann. Alles darüber hinaus ist für uns nicht existent – oder, wie du es ausgedrückt hast: Aberglaube primitivster Art. Und so richten wir Menschen suchend unsere Teleskope in den Nachthimmel, staunend über die komischen Phänomene, die für uns so schön anmuten, in Wahrheit aber so schrecklich wie apokalyptisch sind. Sage mir Helen, worin liegt die Schönheit eines sterbenden Sterns? Wir sind zu verdammt neugierig. Müssen auf den Mond, müssen auf den Mars, müssen in die tiefsten Spalten der Erde hinabtauchen. Aber wir sehen nicht den Fuß, der unseren Ameisenhaufen zertreten wird!“
Johns sichtbar schlechter werdende körperliche Verfassung schien auf seinen Geist Einfluss zu nehmen, und so beschloss ich, seinen verstörenden Redeschwall zu beenden. „Hier wird erst mal niemand niemanden zertreten. Du bleibst jetzt ruhig hier liegen, und ich versuche möglichst schnell an unsere Erste-Hilfe-Ausrüstung zu kommen. Beweg dich nicht von der Stelle!“ John zwang sich ein irre anmutendes Grinsen ab: „Wie könnte ich.“

Ich rannte den Abhang hinab zu der Senke, in der sich das Lager befand. Wie ein abgestorbener Baumstamm zeichnete sich der schiefe Funkmast vor dem klaren Sternenhimmel ab. Hier unten musste es kalt sein, doch ich spürte nichts davon. Meine Gedanken kreisten um den Professor, um John und um die wirre Geschichte, die er mir soeben aufgetischt hatte. Sicher, DeRuijter wird ihm wohl allerhand okkulten und esoterischen Schwachsinn gezeigt haben. Vermischt mit den phänomenalen Ergebnissen seiner Forschungsbemühungen und der ewigen Geheimniskrämerei könnte daraus für labile Geister schnell ein Cocktail des Wahnsinns werden, Alkoholgehalt nicht spezifizierbar.

© J.Islinger

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~ von 21ghostwriters - 2014/04/02.

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