Review: H. P. Lovecraft – Das Fest

Ich war weit von zu Hause weg, und das Ostmeer zog mich in seinen Bann. Ich hörte es im Zwielicht an die Felsen schlagen, und ich wußte, daß es gleich hinter den Hügeln lag, wo die verkrümmten Weiden sich gegen den aufklarenden Himmel und die ersten Abendsterne wanden. Und weil meine Väter mich zu der alten Stadt dahinten gerufen hatten, stapfte ich durch den dünnen, frischgefallenen Schnee die Straße entlang, die einsam dorthin anstieg, wo Aldebaran zwischen den Bäumen blinkte; weiter auf die sehr alte Stadt zu, die ich zwar nie gesehen, aber von der ich oft geträumt hatte.

– H. P. Lovecraft: Das Fest

Das traumhafte Kingsport Lovecrafts

Das traumhafte Kingsport Lovecrafts

Lovecrafts frühe Erzählung The Festival, beziehungsweise im Deutschen Das Fest, gehört trotz ihrer Kürze zu meinen liebsten Mythos-Erzählungen. Das liegt zunächst an der einmalig-dichten Atmosphäre, die sich gleich in den ersten Zeilen entfaltet und die einem beim Lesen wohlige Schauer über den Rücken jagt. Abseits davon, faszinieren die zahlreichen Anspielungen Lovecrafts auf tatsächliche, abergläubische Gerüchte rund um geheime Hexenkulte in den abgelegenen und von der Moderne verschonten Landstrichen der Ostküste. Dabei bezieht sich Lovecraft auf ein real existierendes Buch; das von Margaret Alice Murray in den 20ern verfasste Werk The Witch-Cult in Western Europe, dessen pseudowissenschaftliche Kernthese die Existenz eines paganen Fruchtbarkeitskultes behauptet, der die Christianisierung Europas überlebt hat, und später mit den ersten Siedlern nach Amerika gekommen ist. Dort soll sich dieser alte Glaube bis heute in abgeschiedenen Gemeinden gehalten, und obskure Blüten voller archaischer Riten und Beschwörungen getrieben haben.

Zu Beginn treffen wir unseren, aus der Ich-Perspektive berichtenden Erzähler, der sich auf einer Reise nach Kingsport – einem kleinen Ort an der Küste Massachusetts – befindet. Wir erfahren, dass er einer Einladung weit entfernter Verwandtschaft folgt, die ihn um die traditionelle Teilnahme an einem alten Julfest-Ritual gebeten hat. Obwohl der Erzähler keine Ahnung über den Inhalt der Feier hat, verspürt er einen unerklärlichen Drang, der Einladung statt zugeben. Also durchwandert er das winterliche Massachusetts und erreicht am Weihnachtsabend die im Mondschein liegende Ortschaft.

Dann sah ich Kingsport hinter dem Hügelkamm sich schneebedeckt in der Abenddämmerung ausbreiten, das schneeige Kingsport mit seinen alten Wetterfahnen und Kirchtürmen, Firstbalken und Kaminaufsätzen, Werften und kleinen Brücken, Weiden und Friedhöfen, endlosen Labyrinthen steiler, schmaler, verwinkelter Straßen und dem schwindelerregenden kirchgekrönten Mittelgipfel, dem die Zeit nichts anhaben kann; endlose Irrgärten von Kolonialhäusern, in allen Winkeln und Höhenlagen angehäuft und zerstreut, wie die durcheinandergeworfenen Spielklötze eines Kindes; Altertümlichkeit schwebte auf grauen Flügeln über den schneeverzuckerten Giebeln und Walmdächern, Oberlichten und kleinscheibigen Fenstern, eines nach dem ändern in der kalten Abenddämmerung aufleuchtend, um sich dem Orion und den uralten Sternen anzuschließen.

Eindrucksvoll beschreibt Lovecraft, wie der Erzähler auf der Suche nach dem Stammsitz seiner Verwandten die verwunschenen und menschenverlassenen Straßen der nächtlichen Stadt durchstreift. Links und rechts des Weges ragen die alten Häuser mit ihren Walmdächern und hohen Giebeln empor und verleihen der Szenerie einen Hauch Surrealität. Schließlich erreicht er sein Ziel und trifft zum ersten Mal auf den entfernten Zweig seiner Familie, vom dem er bisher nur geflüsterte Andeutungen gehört hat. Ein greises und scheinbar stummes Pärchen nimmt den Erzähler in Empfang und gibt ihm zu verstehen, sich bis zu Beginn des Festes in Geduld zu üben. Der Erzähler nutzt die Zeit, und erforscht die Wohnstube des ehrwürdigen Hauses, wobei er auf zahlreiche okkulte Bücher stößt, darunter das gefürchtete und legendäre Necronomicon.

Als ich mich niedersetzte, um zu lesen, sah ich, daß die Bücher weißlich und schimmlig waren und daß sie des alten Morryster konfuse Marvells of Science, das schreckliche Saducismus Triumphatus von Joseph Glanvil, 1681 veröffentlicht, die haarsträubende Daemonolatreia des Remigius, gedruckt 1595 zu Lyon, und als Allerschlimmstes, das unglaubliche Necronomicon des verrückten Arabers Abdul Alhazred, in Olaus Wormius‘  Vulgärlatein−Übersetzung, ein Buch, das ich nie gesehen, von dem ich aber furchtbare Dinge hatte flüstern hören, enthielten.

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Kingsports Vorbild, Marblehead, wirkt wenig gruselig

Nach einiger Zeit des stillen Brütens über diesen verfluchten Büchern beginnt die eigentliche Zusammenkunft. Das schweigsame Pärchen und der Erzähler streifen sich altertümliche Kutten über und reihen sich in eine Prozession von ebenso stummen Dorfbewohnern, die sich jetzt durch die Straßen Kingsports hin zu einer verfallenen Kirche windet. Dabei fällt immer mehr auf, dass die Festteilnehmer mehr Würmern, denn menschlichen Wesen ähneln. Von der Krypta der Kirche führt ein seltsam gewundener Tunnel hinab in die Tiefe – und den Erzähler an den Rand des Wahnsinns. Als er erkennen muss, was das grauenhafte Zentrum dieses Rituals, und somit seiner Familie ist, verliert er den Verstand.

Ich möchte natürlich nicht den Twist vorwegnehmen, deshalb sei nur soviel gesagt: Allzu viel passiert in der Geschichte nicht und die Enthüllung ist – wenn man Lovecraft kennt – wenig schockierend, wenn auch in ihrer Surrealität bildgewaltig umgesetzt. Lovecraft hatte beim Verfassen wohl eine bestimmte Stimmung vor Augen, die er mit dieser Erzählung meisterhaft einfing: Style over substance, quasi. Seine ausschweifende Beschreibung des ländlichen New England und dem in der Zeit verlorenen Kingsport sind wundervoll ausgearbeitet und stehen den psychedelischen Traum-Bildern der Rue D’Auseil in Die Musik des Erich Zann in nichts nach. Das Ende, sowie die Erwähnung des Necronomicons, verhelfen der Geschichte dann auch zu einer ungefähren Einordnung in das System des Cthulhu-Mythos, beziehungsweise dem damit verbundenen Traumlande-Zyklus.

Weise sagte der alte Ibn Schacabao, daß glücklich das Grab ist, wo kein Zauberer gelegen ist, und glücklich bei Nacht die Stadt, deren Zauberer alle Asche sind. Denn es ist ein altes Gerücht, daß die Seele der vom Teufel gekauften sich nicht von ihrer irdischen Hülle hinweghebt, sondern gerade den Wurm, der nagt unterweist, bis aus dem Verfall schreckliches Leben entspringt und finstere Aasfresser der Erde geschickt die Oberhand bekommen, um sie zu quälen, und ungeheuer anschwellen um sie heimzusuchen. Heimlich werden große Löcher gebohrt, wo die Poren der Erde ausreichen sollten, und Dinge haben das Gehen gelernt, die kriechen sollten.

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Die Clowns in Mirocaw sind keine gewöhnlichen Clowns

Nachtrag: Das Motiv der Geschichte wird in Thomas Ligottis Kurzgeschichte Harlekins letzte Feier wieder aufgegriffen und in die Moderne transportiert. Hier steht die US-Kleinstadt Mirocaw im Zentrum des Geschehens, deren Bewohner alljährlich zur Weihnachtszeit ein seltsames Volksfest mit maskierten „Clowns“ feiern. Grund genug für die Haupfigur, einen an amerikanischer Folklore interessiertem Ethnologen, die Stadt  im Winter zu besuchen. Die Geschichte ist Lovecraft gewidmet und von Ligotti deutlich an Das Fest angelehnt, wenn auch originell und spannend interpretiert. Wer Harlekins letzte Feier lesen möchte, muss nach einem gebrauchten Exemplar von Ligottis Kurzgeschichtensammlung Die Sekte des Idioten Ausschau halten. Es lohnt sich.

 

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~ von 21ghostwriters - 2014/04/30.

Eine Antwort to “Review: H. P. Lovecraft – Das Fest”

  1. […] möglicherweise an The Witch-Cult in Western Europe denken, aber auch an Lovecrafts Kurzgeschichte Das Fest oder an Thomas Ligottis Harlekins letzte Feier. Beide Erzählungen handeln ebenfalls von Maskierung […]

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