Review: Wolfenstein (2009)

Wolfenstein2009

Wolfenstein 2009

In 10 Tagen veröffentlichen Bethesda Wolfenstein: The New Order. Höchste Zeit, uns vorher noch einmal den etwas stiefmütterlich behandelten Vorgänger zur Brust zu nehmen. Das 2009 erschienene, und von den Entwicklern schlicht als Wolfenstein betitelte Game war damals ein ziemlicher Flop. Aber wie war das möglich? Wolfenstein 3D von 1992 hat den Ego-Shooter ja quasi im Alleingang erfunden, der technisch und spielerisch perfektionierte Nachfolger Return to Castle Wolfenstein den Kultstatus nachweislich verfestigt und darüberhinaus noch einen bis heute überdurchschnittlich beliebten Multiplayer-Modus etabliert. Der Name Wolfenstein war also schon lange vor 2009 eine Marke mit Prestige und damit verbundener Erwartungshaltung. Eine Erwartungshaltung, die der bisher jüngste Teil der Reihe etwa nicht mehr erfüllen konnte?

I  Geteilte Meinung bei Fans

Ich würde spontan sagen: Nein. Das Game wurde von Raven Software entwickelt, die in den frühen 2000ern für einige herausragenden Shooter verantwortlich waren. Heute sind sie leider an die Call of Duty-Reihe gebunden, müssen dort Aushilfsarbeit verrichten, und dürfen in ihren Pausen gnädigerweise an eigenen Ideen rumschrauben. Unter Wolfenstein-Fans genießt das Spiel nicht den besten Ruf und ist hierzulande darüberhinaus relativ unbekannt, was nicht zuletzt am Verbreitungsverbot in Deutschland liegt. Activision musste das Spiel kurz nach der Veröffentlichung in Deutschland zurückrufen, da irgendein Idiot vergessen hatte, ein Hakenkreuz zu zensieren. Die Gamer, die es kennen, sind meist gespaltener Meinung, ordnen das Spiel irgendwo im Mittelfeld ein, oder wurden aufgrund der zu hoch gesteckten Erwartung enttäuscht. Andere, wie PCGamer.com setzen das Spiel auf Platz 24 der besten Shooter aller Zeiten. Also, woran sind wir?

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Nazis sind immer sauer

Die Story des Spiels ist purer Trash, wie wir ihn aus den Vorgängern kennen und lieben, mit ein wenig Nazi-Supertechnik hier, und ein paar okkulten Ritualen da. Wie erwartet, spielt man auch dieses Mal wieder den amerikanisch-polnischen Agenten B. J. Blazkowicz, der vom OSS ins Deutsche Reich geschleust wird, um seltsame SS-Aktivitäten rund um den Ort Isenstadt (ausgesprochen: Eisenstadt) zu untersuchen. Schnell findet man heraus, dass Obersturmbannführer Victor Zetta und seine SS Paranormal Division bei Ausgrabungen auf Überreste der sagenhaften Thule-Kultur gestoßen sind, eine untergegangene Zivilisation von Mystikern, die eine geheimnisvolle Kraft namens Schwarze Sonne verehrten. Das sorgt für den nötigen okkulten Input, und nachdem wir uns durch eine unterirdische Tempelanlage außerhalb Isenstadts gekämpft haben, finden wir auch ein sogenanntes Thule-Amulett, das unserem Charakter erlaubt, in die Parallelwelt der Schwarzen Sonne zu switchen, in der wir beispielsweise Schutzschilde und Energieangriffe wirken können. Klingt alles ziemlich freakig? Ist es auch. Natürlich haben die Nazis ebenfalls Kollegen, die über Thule-Amulette verfügen und uns mit Blitzangriffen und anderen fiesen Zaubereien zusetzen. Obendrauf gibt es natürlich auch die ganz „profane“ Super-Technik, Tesla-Spule, Partikelkanone und dem Leichenfaust-Raketenwerfer inklusive.

II – Mehr Bioshock als CoD

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Typisch Wolfenstein: Nazi-Laserwaffen-Super-Soldat

Soweit bekannt, soweit gut. Neu ist hingegen der Aufbau. Kämpfte man sich bei RtCW noch linear von Level zu Level, so gibt es hier interessanterweise eine Semi-Open World, in der man von Missionspunkt zu Missionspunkt eilt. Diese Open World ist das weiter oben erwähnte Isenstadt, in dem man sich quasi frei bewegt, Schwarzmärkte, Logen und Widerstands-Zellen aufsucht, Gold- und Schatzverstecke entdeckt und Nebenquests absolviert – immer mit der Gefahr im Rücken, von Nazi-Patrouillen entdeckt und attackiert zu werden. Das ganze erinnert deutlich mehr an Bioshock als an Call of Duty, was ohne Zweifel positiv ist. Das in Isenstadt gefundene Nazigold ist kein Selbstzweck, sondern kann in den über die ganze Stadt verstreuten Schwarzmärkte in nützliche Waffen-Upgrades investiert werden, welche wiederum mit im Spiel gefundenen Blaupausen freigeschaltet werden. Durch diese ganzen Features bekommt Wolfenstein ein eigenes Feeling und eine Spieltiefe, die über den normalen Shooter hinausgeht. Schnell ist man im Spiel und motiviert, die wirklich liebevoll designten Level gründlich zu durchforschen, um Upgrades und Boni freizuschalten. Dabei stößt man auch immer wieder auf Geheimdokumente der Nazis, die einen tiefer in das Geschehen rund um Victor Zetta und seine finsteren Experimente ziehen.

III – Besser als der Ruf

Isenstadt selbst sieht aus wie eine Mischung aus Goslar, Berlin und Nürnberg zur Zeit der Reichsparteitage, fiesem Zeppelin und finster über der Stadt thronenden Burganlage inklusive. Während dieses Setting mit der Zeit leider etwas abgenutzt daherkommt, sind die Missions-Level abwechslungsreich und spaßig. So muss man zu Beginn einen Zug, der experimentelle Waffen transportiert, sprengen, infiltriert einen alten Tempel oder entdeckt unter einem Bauernhof eine geheime Fabrik für experimentelle Über-Soldaten. Passend dazu verwöhnt einen das Spiel mit einer großen Anzahl verschiedener Gegner: Vom einfachen Wehrmachts-Gefreiten, über Nazi-Cyborgs bis hin zum kuttentragenden Psioniker ist alles dabei. Sehr gut haben mir die Nazi-Assassinen gefallen, die urplötzlich hinter einem auftauchen, wie Spinnen über Wände krabbeln und einen so richtig schön erschrecken können. Hier knüpft man nahtlos an die guten Traditionen von RtCW an.

Die Schwarze Sonne ist eine Urgewalt

Die Schwarze Sonne ist eine Urgewalt

Am Ende überwiegt ein positiver Eindruck. Das Game hebt sich merklich von der etablierten und stromlinienförmigen Call of Duty-Einheitskost ab und strotzt nur so von kreativem Input. So richtig innovativ ist Wolfenstein natürlich nicht, aber gerade das Element der Magie, die alternativ oder ergänzend zur herkömmlichen Waffengewalt verwendet werden kann, überzeugt mit ausgesprochen balancierter und durchdachter Spielmechanik. Es macht unglaublich viel Spaß, seine Gegner mit Energiestößen zu vaporisieren, die Schwerkraft aufzuheben oder sich in extremer Zeitlupe Gegner für Gegner einzeln vorzunehmen. So bleibt das Game vor allem eins: Unterbewertet und im Gedächtnis der Community eine Art schlecht vermarkteter Brückenteil zu Wolfenstein: The New Order. Völlig zu Unrecht.

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~ von 21ghostwriters - 2014/05/12.

Eine Antwort to “Review: Wolfenstein (2009)”

  1. […] Lese auch: Review: Wolfenstein (2009) […]

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