Serien-Empfehlung: True Detective

6a00d83451f25369e201a3fcc73cdf970b

Rust Cohle und Marty Hart

Die Miniserie True Detective (HBO) von Nic Pizzolatto ist gerade in aller Munde: Das ungleiche Ermittlerduo Marty Hart und Rust Cohle (Woody Harrelson/Matthew McConaughey) begeben sich 1994  in den finsteren Backwoods der Südstaaten auf die Suche nach einem Serienkiller und stoßen neben Hinweisen auf einen bizarren Mythos auch an die Grenzen ihres eigenen Verstandes. Fast zwanzig Jahre später kommt das Duo erneut zusammen, um die Wurzel des jahrzehntealten Übels endgültig auszumerzen. Dabei bewegen sich die beiden fantastischen Hauptdarsteller − in oldschooliger Hardboiled-Manier − rauchend, saufend und frauenverschleißend durch die sumpfluft-geschwängerte Szenerie, dass es nur so eine Freude ist. Angereichert wird dieser Cocktail mit einer Überdosis an menschlichen Abgründen, dem Surrealismus eines David Lynch, dem Nihilismus von Schopenhauer und Nietzsche, sowie dem Horror eines Lovecraft oder Ligotti.

I think human consciousness, is a tragic misstep in evolution. We became too self-aware, nature created an aspect of nature separate from itself, we are creatures that should not exist by natural law. We are things that labor under the illusion of having a self; an accretion of sensory, experience and feeling, programmed with total assurance that we are each somebody, when in fact everybody is nobody.

– Rust Cohle

I was just a regular-type dude with a big-ass dick

– Marty Hart

TD-s01-5.mp4_snapshot_19.05_2014.02.23_05.28.35

Schusswechsel am Bayou

„Nicht noch eine US-Krimiserie“, dachte ich Anfang 2014 und sortierte True Detective ungesehen in die selbe Schublade ein, in der schon Criminal Minds, Bones, Numb3rs und sämtliche CSI/CIS-Ausgeburten ein tristes Dasein jenseits meiner Zuwendung fristeten. Ein schwerer Fehler, wie sich ein halbes Jahr später herausstellen sollte. Denn tatsächlich gehört True Detective zu den wohl besten Antahlogieserien, die je über den TV-Bildschirm flimmerten: Zwei Ermittler, acht Folgen und eine abgeschlossene Handlung rund um den bestialischen Mord an einer jungen Frau bilden den Rahmen dieser düsteren Miniserie, deren Ästhetik sich irgendwo zwischen Harboiled Pulp, Neo Noir, Wierd Fiction und Sozialstudie der amerikanischen Südstaaten bewegt. Schon der Vorspann macht deutlich, wohin die Reise geht: Surreale Bilder von Handlungsorten wechseln sich mit den scherenschnitt-artigen Silhouetten der Charaktere ab, ergänzt um allerlei archaischer und christlicher Symbolik südstaatlicher Frömmigkeit. Dazu tröpfelt ein betörendes Stück Intromusik mit dezenten Blechbläsern und spanischen Gitarren aus den Lautsprechern und erzählt in sonorer Harmonie:

When the last light warms the rocks
And the rattlesnakes unfold
Mountain cats will come
To drag away your bones

I – Das Setting

lead

Kirchenruine vor Raffinerie

Die Serie spielt im tiefsten Louisiana, irgendwo zwischen Baton Rouge und Lake Charles; ein sumpfiger Landstrich, gezeichnet von den Spuren zahlreicher Hurricanes und durchsetzt mit tiefen Urwäldern, abgelegenen Siedlungen, Tristesse und Industrieanlagen. Die Inszenierung der Landschaft und die Einbindung der Örtlichkeiten in die Handlung machen einen großen, wenn nicht sogar den entscheidenden Teil der Serien-Atmosphäre aus. Immer wieder muss man sich als Zuschauer ins Gedächtnis rufen, dass wir hier in den USA, und nicht in einem Dritte-Welt-Land sind. Das Polizeirevier als Ausgangspunkt der Ermittlungen erinnert dabei an eine lichtdurchflutete Insel der Sicherheit und die Freeways als kleine Pfade der Zivilisation durch die Dunkelheit des Landes. Oder, wie es Nic Pizzolatto beschrieb:

I think True Detective is portraying a world where the weak (physically or economically) are lost, ground under by perfidious wheels that lie somewhere behind the visible, wheels powered by greed, perversity, and irrational belief systems, and these lost souls dwell on an exhausted frontier, a fractured coastline beleaguered by industrial pollution and detritus, slowly sinking into the Gulf of Mexico. There’s a sense here that the apocalypse already happened.

TD-s01-1.mkv_snapshot_32.44_2014.02.14_07.05.35

Eine Zeugin

Dieses Louisiana muss sterben, damit Los Angeles oder New York leben kann. Eine Opferlandschaft, wie es der Historiker Brian Black einmal nannte, als er die Geschichte der ersten Ölfelder in Ost-Pennyslvania beschrieb. Die Förderung fossiler Brennstoffe verwandelt einen Ort, macht ihn bedrohlich und fremdartig. Die Beziehung zwischen gebrochenen Landschaften und gebrochenen Menschen ist elemantar in True Detective.

II – Die Protagonisten

Auf diese Bühne treten nun unsere  Protagonisten, Rust Cohle und Martin Eric „Marty“ Hart. Die beiden sind wie Wasser und Feuer. Der stämmige Marty (Woody Harrelson) ist der Archetyp des harten Bullen, ein Macho durch und durch. Ein Typ, der  früher sicher Quarterback seiner High School war und jetzt den liebenden Familienvater zweier Töchter und einer hübschen Frau gibt. Er ist eher der Simple Man, irgendwie eine ehrliche Haut, irgendwie religiös, irgendwie down-to-earth. Eigentlich also ein Sympathieträger, wäre da nicht seine Angewohnheit, seine Frau im Suff regelmäßig mit jungen Dingern zu betrügen und an der Routine seiner Ehe zu scheitern.

o-TRUE-DETECTIVE-SEASON-2-facebook

Rust und Marty 1994

Rust Cohle (Matthew McConaughey) scheint das genaue Gegenteil seines vor Selbstbewusstsein und Breitbeinigkeit strotzenden Partners zu sein. Introvertiert und arm an Emotionen, dafür aber angefüllt mit einem düsteren Potpourri an Misanthropie und nihilistischer Philosophie, gibt er den nachdenklichen und brillianten Gegenpart dieser Zweierbeziehung, die stellenweise allein von ihrem Dualismus lebt. Seine Vergangenheit hat ihn als gebrochenen und drogensüchtigen Mann zurückgelassen, der mit einer Vielzahl innerer Dämonen zu kämpfen hat. Kann dieses Gespann funktionieren? Ja, kann es, auch wenn wir es hier natürlich nicht mit einer Buddy-Komödie zu tun hat. Es ist aber gerade dieser Reiz aus Spannung und Konflikt, der das brillante Zusammenspiel von McConaughey und Harrelson funktionieren lässt.

III – Die Handlung

Die Serie spielt interessanterweise auf zwei Zeitebenen: In der Gegenwart (2012) erzählen Marty und Rust in zwei voneinander getrennten Verhörräumen von ihren Ermittlungen im Jahre 1994: Ein junges Mädchen wird vergewaltigt und grausam entstellt in einem Zuckerrohrfeld aufgefunden − in kniender Haltung an einen Baum gefesselt. Auf ihrem Kopf trägt sie eine Krone aus Hirschgeweih, den Rücken ziert ein seltsames Spiralmuster. Schon bald befinden die beiden Ermittler in einem Strudel aus Misstrauen, Korruption, Verschwörungen und organisiertem Verbrechen. Gleichzeitig werden immer wieder die persönlichen Motivationen der Charaktere in den Vordergrund gestellt, genauso wie ihre inneren Konflikte und Abgründe. Die Zeitebene der Gegenwart zeigt schnell, dass Marty und Rust irgendwann getrennte Wege gingen, dass es zu einem Streit kam, der die beiden entzweite. Warum es in der Gegenwart überhaupt zu einer Befragung der beiden Protagonisten kommt, wird überhaupt erst in der zweiten Hälfte der Staffel erklärt, davor dreht sich die Handlung zum größten Teil um die Ereignisse von 1994. Beide Erzählstränge gehen später ineinander über und sorgen für ein erneutes Zusammenkommen des ungleichen Paares.

True-Detective_Matthew_1394029359673988

Rust Cohle 2012

Das Erzähltempo ist dabei vergleichsweise langsam und behäbig. Die Serie nimmt sich sehr viel Zeit, ihren Plot voranzutreiben. Einen ebenso großen Raum wie die Ermittlungen nehmen das persönliche Verhältnis zwischen Marty und Rust, sowie die familiäre Schieflage von Marty’s Familie ein. Das klingt erstmal langweilig, entpuppt sich aber schnell als genialer Schachzug, den Figuren eine seltene Authentizität und Tiefe zu verleihen. Regelmäßiger Höhepunkt jeder Folge waren für mich die Gespräche über Gott und die Welt, die Marty und Rust auf den langen Autofahrten durch Louisiana führten.

IV – Der König in Gelb (leichte Spoiler!)

The_King_in_Yellow

Der König in Gelb von R. W. Chambers

Das spannendste und am kontroversesten diskutierte Element von True Detective ist sicherlich der pseudo-mythologische Unterbau der Handlung. Wirkt schon der Mord in Folge 1 irgendwie rituell und voller okkulter Symbolik, so tritt in Folge 2 ein religiöses Element hinzu, welches sich deutlich von der sorgfältig etablierten, christlichen Frömmigkeit des Serien-Umfelds abhebt. Hier wird es auch für mich besonders interessant, treten doch mit dem Gelben König und der Stadt Carcosa Elemente auf, die auch in H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos eine Rolle spielen. Die Gestalt des Gelben Königs geht dabei auf den Wierd-Fiction Autor Robert W. Chambers zurück, der zu Lovecrafts größten Einflüssen gehörte. Lovecraft verwendet das Motiv einer übernatürlichen, außer-terrestrischen Wesenheit, wie sie Chambers’ König in Gelb darstellt, in vielen seiner Werke – und setzt ans Ende seines Essays Geschichte und Chronologie des Necronomicons folgende Hommage à Chambers:

Aus den Gerüchten über dieses Buch [das Necronomicon] soll Robert W. Chambers den Einfall zu seinem frühen Roman The King in Yellow bezogen haben.

6-tile-600x329

Typisches Südstaaten-Brauchtum

In True Detective bildet der Mythos rund um den Gelben König die Grundlage eines primitven Kultes aus den Sümpfen und Bayous Louisianas, die irgendwas mit einem an Bacchanalien erinnernden Winterfest zu tun haben, dessen Formensprache unter Anderem auf Tiermasken und rituelle Fesselungen zurückgreift. Das alles ist sehr harter Tobak, wird in der Serie aber nie gänzlich erklärt, so dass ein drohendes Unheil im Hintergrund über das Staffelende hinaus lauert. Die wenigen Bruchstücke, die einem im Verlauf der Serie begegnen, lassen einen möglicherweise an The Witch-Cult in Western Europe denken, aber auch an Karl Edward Wagners Novelle Stecken, Lovecrafts Das Fest oder an Thomas Ligottis Harlekins letzte Feier. Letztere Erzählungen handeln ebenfalls von Maskierung und Verwandlung, sowie von amerikanischem Brauchtum zur Weihnachtszeit, dessen Wurzeln tief in die Dunkelheit der Vergangenheit ragen. Nicht umsonst legte Drehbuchautor Pizzolatto dem grüblerischen Rust immer wieder direkte Zitate aus Ligottis Werken in den Mund.

V – Zusammenfassung

Wem möchte ich True Detective nun eigentlich ans Herz legen? Nun, zuallererst natürlich jedem, der etwas mit einem meisterhaft erzählten Krimi anfangen kann. Wer einen brilliant inszenierten und amtosphärischen 8-Stunden-Mystery-Thriller im Stile von Twin Peaks sucht, wird hier auf jeden Fall fündig. Auf Action hat man eher verzichtet, dafür gibt es einige sehr brutale und plastische Szenen, von Verstümmelung bis hin zu Inzest zwischen nicht sehr schönen Menschen. Teilweise wurde die Serie kritisiert, sehr sexistische und misogyn zu sein – ein Vorwurf, der sicher nur in Köpfen reifen kann, die keine Ahnung vom Genre-Mix der Serie haben. Darüberhinaus ist das Thema sicher nicht der beste Ort, um die Frage nach der Gleichstellung der Geschlechter zu lösen.

Advertisements

~ von 21ghostwriters - 2014/07/07.

2 Antworten to “Serien-Empfehlung: True Detective”

  1. Sehr gute Zusammenfassung! Habe mir die Serie vor zwei Wochen zu Gemüte geführt und bin immer noch begeistert…auch wenn ich vermute, dass ein Teil von Rust in mir hängen geblieben ist. Allerdings: Wenn eine Serie/Film so etwas schafft, dass man sich voll und ganz selbst mit der unwahrscheinlichsten Figur identifizieren kann, so ist es doch eine wirklich gelungene Arbeit.

    Ich muss aber zugeben, dass ich mir etwas mehr Weirdness gewünscht hätte. So ein bisserl mehr von Rusts verzerrter Realität und Visionen.
    Aber ansonsten funktioniert „True Detective“ wunderbar als Kampagne für Call of Cthulhu.

    • Am Ende hatte die Serie ja wirklich kaum etwas mythologisches an sich. Der Bezug auf den gelben König war ein Spleen des Killers und Rusts misanthropisches Weltbild bekam Risse. Damit kann ich aber leben, der Weg ist das Ziel.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: