Kurzgeschichte: Am sechsten Tag [Dystopie]

6513380079_d4484bd939_zAußer Spesen nichts gewesen: Am Anfang des Jahres nahm ich am AstroArt-Literaturwettbewerb der Hamburger Volksbank und der Bergedorfer Zeitung teil. Der Preis ist mit 800 Euro dotiert und wird jährlich im Innenhof des Bergedorfer Schlosses verliehen. Auch 2014 wurden wieder deutschlandweit Nachwuchsautoren aufgefordert, ihre Geschichte zu einem vorgegebenen Thema einzureichen. Wie von der Jury verlangt, interpretierte ich die Themen-Vorgabe „Irrlicht“ auf spannende Weise und goss meine Idee in die als Obergrenze festgelegten 9000 Zeichen. Herausgekommen ist eine gesellschaftliche Dystopie, deren Kernelement der Gedanke ist, wie eine Menschheit, die den Tod wissenschaftlich überwunden hat, mit den Problemen Nachwuchs und Fortpflanzung umgeht. Unter den 400 Bewerbungen dieses Jahres ging ich leider leer aus. Damit aber das monatelange Warten und Bangen nicht ganz umsonst gewesen ist, veröffentliche ich meinen Wettbewerbs-Beitrag an dieser Stelle. Vielleicht kann die Geschichte den ein oder anderen Leser so noch erfreuen. Viel Spaß!

***

„Mademoiselle Verbeek, bitte machen sie doch schon mal ihren Oberkörper frei.“ Der Arzt wirkte in seinem enganliegenden, weißen Overall keinen Tag älter als 25. Er justierte ein medizinisches Gerät über dem Patientenstuhl. Anschließend schaute er zuerst auf seinen Data-Screen, dann auf Mademoiselle Verbeeks jugendlichen Körper.
„Der FBS braucht immer ein paar Minuten, bis er hochgefahren ist.“ Er lächelte ein makelloses Zahncremewerbe-Lächeln und begutachtete die Patientin mit akribischem Blick.
FBS hieß Full Body Scanner, das wusste die Frau. Sie ließ ihren Blick über die bunten Fresken an der Decke schweifen und entspannte ein wenig: Lachende Menschen hielten sich an den Händen und tanzten um einen Apfelbaum.

„Wir benutzen den FBS eigentlich kaum noch. Wussten sie das, Mademoiselle Verbeek?“
„Nein. Wirklich?“
Natürlich wusste sie das. Sie war bis nach Genf gereist, um ein betriebsfähiges Gerät dieser Art zu finden. Und einen Arzt, der es bedienen konnte. Auch Ärzte waren selten geworden.
„Dann schauen wir mal.“ Der Doktor wischte ein paar mal über das Touchpad, und die Krankendatei erschien im Display. „Sie heißen Miriam Verbeek, geboren 2101 in Louvain, damaliges Königreich Belgien. Soweit korrekt?“
Miriam Verbeek nickte und dachte unwillkürlich an das Staatsbegräbnis des letzten Königs von Belgien, Albert III. Das hatte ihr gefallen. Wie die Menschen an der Straße standen und den Sarg anstarrten. Das war ein komischer Anblick.
„Sie sind jetzt 160, richtig?“
„159!“
Hastig versuchte der Arzt, noch mehr Zahnweiß zu zeigen. „Bitte entschuldigen sie, Mademoiselle, da kommt man heute ja so leicht durcheinander. Sie sehen keinen Tag älter aus als 159.“
Entwaffnendes Zahnweiß: Beide lachten befreit und Miriam Verbeek fragte sich, wie alt der Doktor wohl sein mochte. Bestimmt älter als sie, die letzten Jahrgänge wurden ja noch vor 2090 ausgebildet.
„Und sie sehen sich auch als weibliches Individuum? Entschuldigen sie, aber ich muss das fragen. Verordnung.“
„Ja, doch doch.“ Dann etwas leiser: „Wissen sie, ich habe mal ein Jahr versucht als Mann zu leben. Aber das hat mir nicht gefallen, irgendwie.“
Die Stirn des Arztes legte sich kurz in feine Falten, dann glättete sich die Epidermis wieder zurück in ihre makellose Ausgangsform.
„Macht ja nichts, Mademoiselle Verbeek. Nicht alle können ihre Geschlechter-Identität wechseln. Wichtig ist, dass sie es mal probiert haben. Sonst kann man ja nicht mitreden, was?“
„Ja, da haben sie wohl recht, Doktor.“
180, keinen Tag jünger! Sie meinte, es an der etwas antiquierten Ausdrucksweise des Arztes fest zu machen, daran, wie er ohne ironischen Unterton „Mademoiselle“ sagte und „Bitte machen sie doch schon mal ihren Oberkörper frei.“ Außerdem konnte er noch den FBS bedienen. Unter anderen Umständen wäre sie sicher mit ihm ins Bett gestiegen. Ältere Männer turnten sie an, das fand sie aufregend.
„Als Beschwerde haben sie vorab allgemeines Unwohlsein angegeben. Und sie schließen eine psychologische Ursache aus. Wieso, wenn ich fragen darf?“
„Ich weiß nicht, ist so ein Bauchgefühl.“
„Haben sie denn schon bei einem ganzheitlichen Balance-Coaching mitgemacht? Manchmal neigt unser Inneres zu Depressionen und gerät ins Ungleichgewicht, da kann…“
Entnervt zuckte die Hand der Patientin nach vorne und schnitt dem Arzt mit einer abwehrenden Bewegung das Wort ab. „Da war ich schon oft. Einmal sogar auf Anweisung der Ethik-Kommission. Damals, als sich Amanda Jade euthanasieren ließ. Da wollte ich auch sterben.“ Ein Hauch trotzige Wehleidigkeit mischte sich unter den glockenhellen Klang ihrer Stimme.
„Amanda Jade, toller Sänger! Schade, dass er die Nichtexistenz weiterer Musik vorgezogen hat. Aber wer versteht schon diese Künstler, was?“ Eine humoristisch gemeinte Schmunzel-Salve verzerrte die Mimik des Doktors.
„Naja, jedenfalls ging es mir dann wieder besser“, fuhr Miriam Verbeek unbeirrt fort. „Viel Yoga, vegane Ernährung, Sex mit unterschiedlichen Partnern. Aber das hier. Das ist anders.“
Der Arzt wischte wieder über sein Touchpad.
„Ah, schauen wir mal. Sie haben allergische Reaktionen zum Frühjahresbeginn. Nehmen sie Medikamente?“
Die Frau rollte mit den Augen. Wie peinlich: Ja, tat sie. Also nickte sie und versuchte ihre aufkeimende Ungeduld mit weiteren Betrachtungen des Lachende-Menschen-Baums zu kanalisieren. Diese Ärzte konnten ja richtige Quälgeister sein. Es schien ihr unerhört, dass die Leute früher gezwungen waren, regelmäßig Institutionen wie diese hier aufzusuchen.
Glücklicherweise hatten der technische Fortschritt und eine geistige Wende in der Bioethik derlei enervierende Prozeduren obsolet gemacht. Die Wissenschaft nannte es transhumanistische Revolution und so hätte es auch in den Schulbüchern gestanden; doch Schulen gab es auch nicht mehr.
„Bitte atmen sie mal ein, Mademoiselle!“ Die Hand des Arztes lag auf ihrem Bauch. Sie fühlte sich kalt an. „Und sie meinen, dass ihr Darmtrakt betroffen ist?“
„Mir ist oft übel.“
„Wie seltsam. Essen sie Fleisch?“
Miriam Verbeek konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, einen anklagenden Unterton in der Stimme des Arztes zu vernehmen, also verneinte sie die Frage mit dem Maß an gespielter Empörung, die sie in einer solchen Situation für angebracht hielt. Es war nicht so, dass sie gelogen hätte. Ihr letztes Steak war viele Jahre her, damals in China, wo Fleischkonsum noch keine gesellschaftliche Ächtung erfahren hatte. Aber China war ein Sonderfall. Auch damals, als die ersten Eingriffe vorgenommen wurden.

Zuerst stand die neue Technologie natürlich nur den Kindern der Höchstverdiener zur Verfügung. Doch nach den sozialen Unruhen setzte die UN schließlich in Absprache mit den bio-ethischen Gremien der Großmächte den Physical Integrity Act in Kraft, der die Anwendung der neuen Technologie zu einem Menschenrecht erklärte, das keinem Erdenbürger vorenthalten werden dürfe. Zu Beginn wusste keiner so recht, wohin die Reise gehen, und wie lange sie dauern würde. Da der Eingriff nur in den ersten Schwangerschaftswochen durchgeführt werden konnte, war klar, dass die Väter der Transhumanistischen Revolution niemals die Früchte ihrer Arbeit ernten würden. Aber man sagte, es sei Pflicht und ein kollektives Opfer, das erbracht werden müsse, um der Evolution auf die nächste Stufe und dem Menschen zur Unsterblichkeit zu verhelfen.

Die Umsetzung verlief nicht immer reibungslos. Um die Jahrhundertwende explodierte die Weltbevölkerung und China erklärte dem Westen den Krieg. Wieder tagten die Großmächte der Welt, ein ganzes Jahr lang. Am Ende trat man an die Öffentlichkeit und verkündete, fortan jede Art der Fortpflanzung zu unterbinden. Das war 2130 und die Weltbevölkerung betrug 12 Milliarden Menschen. Ärzte brauchte es seitdem nur noch für euthanasische Dienste und kleinere Leiden. Und natürlich für die Zwangssterilisationen und Abtreibungen, die weltweit angeordnet werden mussten, um ein Kippen der Weltbevölkerung zu verhindern. Es hieß, der Planet könne nur eine begrenzte Anzahl unsterblicher Menschen vertragen – wegen der Ressourcen. Das leuchtete ein.
Schon komisch, dachte Miriam Verbeek; den Tod haben wir überwunden, aber einen Heuschnupfen können wir nicht besiegen.

„Gut, dann wollen wir mal beginnen. Entspannen sie sich und atmen sie gleichmäßig ein und aus.“ Der Doktor justierte den duschkopfförmigen Sensor des FBS über dem Bauch seiner Patientin und betätigte den Start-Knopf. Ein leises Surren erfüllte das Behandlungszimmer. Gleichzeitig ertönte aus unsichtbaren Lautsprechern klassische Musik – zweifellos der Entspannung wegen.
Schweigend schaute der Arzt auf das Display, auf dem jetzt eine Negativ-Ansicht Mademoiselle Verbeeks Bauchhöhle auftauchte.
„Stimmt irgendwas nicht?“
Irritiert glitt der Doktor mit der Hand durch sein volles Haar. Auf dem Bildschirm erkannte er die inneren Organe, die verkümmerten Eierstöcke und die Zirkulation des Blutes. Aber da war noch etwas. Etwas Fremdartiges.
„Doktor?“
Ein regelmäßiges, kleines Leuchten tauchte auf dem Display auf. Einmal, zweimal, dreimal. Das war auf keinen Fall normal.
„Das gehört da nicht hin.“
„Was gehört da nicht hin?“ Miriam Verbeeks Stimme überschlug sich jetzt.
Der Doktor ignorierte die Frage. Wie gebannt blickte er weiter auf den Bildschirm, auf das kleine Leuchtfeuer, das in regelmäßigen Abständen aufflammte. Die Bach-Mottete aus den unsichtbaren Lautsprechern der Praxiswand steigerte sich zu einem mehrstimmigen Höhepunkt. Eine rückständige Synapse des Arztes reagierte.
„Jesus, Maria und Josef…“
In den vielen Jahrzehnten seiner Dienstzeit hatte er so etwas nicht mehr gesehen. Das seltsame Leuchten, das fremde Blinken in der Bauchhöhle der Mademoiselle; das war das Schlagen eines kleinen Herzens.
„Mademoiselle Verbeek, ich fürchte sie sind krank. Sehr krank. Aber bitte beruhigen sie sich. Wir können ihnen helfen. Danach wird es ihnen besser gehen. Bitte machen sie doch schon mal ihren Unterkörper frei.“

© J.Islinger

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~ von 21ghostwriters - 2014/08/04.

2 Antworten to “Kurzgeschichte: Am sechsten Tag [Dystopie]”

  1. Die Idee, dass der Nachwuchs als „Krankheit“ betitelt wird, fand ich klasse und zauberte mir ein Schmunzeln auf die Lippen. Heutzutage wird der Kindersegen ja auch häufig eher als Pech interpretiert 😉
    Dass die Geschichte mit dem Freimachen des Oberkörpers begann und mit dem Freimachen des Unterkörpers abschloss, wirkte sehr gut und professionell. Die Handlung selbst war sehr interessant. Völlig anders als das, was ich sonst so lese. Für gewöhnlich bin ich nicht so der Science-Fiction-Freund, aber das hier ließ sich äußerst spannend lesen. Weiter so, vielleicht lässt sich das ja noch ausbauen!

    LG,
    VTT

    • Danke für dein Feedback, das freut mich. Ausbauen wäre sicher eine interessante Option. Ich bin mir fast sicher, dass die Idee zu viel Content beinhaltet, um sie in 9000 Zeichen zu quetschen. Vielleicht wirkte das ganze dadurch etwas überladen und unfokussiert. Wie gesagt: Schade. Aber wird sicher nicht der letzte Wettbewerb sein.

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