Conan 2011: Eine späte Nachbetrachtung

Film-Poster

Film-Poster

Wie älteren Lesern bereits bekannt, werde ich an dieser Stelle sicherlich NICHT den 2011er-Conan von Marcus Nispel verteidigen. Der immer noch aktuelle Spross der Conan-Reihe ist nach wie vor enttäuschend, lieblos und halbgar. Ich werde ihn aber auch nicht in Gänze verdammen. Stattdessen habe ich mir das Machwerk noch einmal zur Brust genommen und herausgearbeitet, was an diesem Film sehenswert war … und was nicht.

Zunächst betrachten wir die Quelle: Nach heutigen Standards zählt Robert E. Howard zu den einflussreichsten und wichtigsten Fantasy-Autoren des 20. Jahrhunderts. In den 20er und 30er Jahren –  also der kurzen Zeit seines kreativen Schaffens – war das allerdings nicht der Fall, und Howard musste seine skandalösen, wie aufsehenerregenden Abenteuer-Geschichten bei Weird Tales und anderen Pulp-Magazinen an den Kunden bringen. Und obwohl wir diese Ära heute mit einem Anflug romantischer Verklärung als das goldene Zeitalter der Pulps bezeichnen, dürfen wir nicht vergessen, dass diese Magazine damals – obwohl von der breiten Masse konsumiert –  als „schmutzig“ und „anrüchig“ galten, und in literarischen Kreisen dementsprechend despektierlich behandelt wurden. Sex und Gewalt waren die herkömmlichen Zutaten einer guten Pulp-Story und Howards Arbeiten sind, obgleich prosaisch überaus wertvoll, voll davon. Was damals obszön erschien, ist für uns heute normal und wir können uns nur wundern, wie schockierend die Beschreibung eines weiblichen Busens im prüden Amerika der 20er empfunden wurde.  Nur hin und wieder schimmert noch ein Stück rohe Brutalität durch, die selbst für unsere heutigen Lesegewohnheiten unorthodox erscheinen mag. Etwa in Ymirs Tochter, wo wir Conan als Charakter kennenlernen, der selbst vor einer Vergewaltigung nicht zurückschrecken würde. Das passt nicht in unsere Vorstellung einer Heldenfigur und ruft deutlich vor Augen, dass der schwarzhaarige Cimmerier eben kein edler Recke, sondern ein dunkler und doppelbödiger Krieger ist, dessen barbarische Herkunft nur schwer verleugnet werden kann.

Zeichnung von Mark Schultz

Zeichnung von Mark Schultz

Zugegeben: Nispels Conan ist darstellerisch näher an Howards Original als es John Milius cineastisches Meisterwerk von 1982 jemals war. Einzelne Motive sind allerdings auch dem Schwarzenegger-Film übernommen, so zum Beispiel das Rachemotiv als Grundlage der Handlung. Der literarische Conan kannte kein Motiv, er war ein natural born killer, ein Kämpfer durch und durch. Sein Antrieb war die Gier nach Macht, Reichtum und Wissen. Das mag sicher auch der Natur der chronologisch unsortierten Einzelepisoden geschuldet sein, die zur Veröffentlichung in den monatlich erscheinenden Pulps geeignet waren. Dort führte Howard zu Beginn an, dass Conan ein Schurke, ein Schlächter, ein Plünderer sei – das musste reichen. In einem Film von Spielfilmlänge funktioniert eine solch verkürzte Vorstellung der Person  natürlich eher schlecht. Von daher erscheint es logisch, auf das beliebte Motiv der Vergeltung zurückzugreifen und Conans Vater durch das grausame Übergießen mit geschmolzenem Stahl ins Totenreich zu befördern. Der junge Conan muss dieses Schauspiel mit ansehen und schwört noch vor den glühenden Überresten seines brennenden Dorfes Rache bis in den Tod. Das ist weder neu noch besonders gut umgesetzt. Außerdem redet Kinder-Conan viel zu viel, was mehr stört als hilft, da Kinder Filme meistens nur durch Schweigen bereichern.

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Vorlage …

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… und Film-Figur

Bevor ich die zahlreichen Schwächen des Films genauer ausführe, möchte ich fairerweise auch auf dessen Stärken eingehen: Jason Momoa sieht als Conan glaubwürdig aus und ist optisch das nahezu exakte Ebenbild seiner literarischen Vorlage. Mit Momoa sehen wir endlich einen schwarzhaarigen Hünen in Einklang mit der Tradition der klassischen Darstellungen im Stile Frank Frazettas. Dem gebürtigen Hawaiianer scheint die Rolle wie auf den Leib geschneidert.

Immer noch besser ausgestattet

Immer noch besser ausgestattet

Wo Schwarzenegger mit seiner blonden Mähne ein eher plumper Haudrauf war, der jeden Schwerthieb mit gutturalen „Waaahs“ und „Arrrghs“ untermalte, agiert Momoa wie die geschickte, und „pantherhafte“ Tötungsmaschine, die Howard in seinen Storys lebendig werden ließ. Dazu kommt ein neckischer Charme, der Schwarzenegger durchweg abging, und von Regisseur Milius unglücklicherweise mit tölpelhafter Naivität ersetzt wurde. Auch der restliche Cast vereint Licht und Schatten: Rose McGowan als wahnsinnige Zauberin Marique stiehlt den restlichen Darstellern etwas die Show. Sie ist gefährlich, sexy und hochgradig psychopathisch. Ihr obsessiver Vater Khalar Zym wird von Stephen Lang hingegen mit übertriebener Bösartigkeit gespielt, was sehr an Jeremy Irons bizarre Darstellung des Zauberers Profion in Dungeons&Dragons erinnert. Zu keiner Zeit erreicht Lang auch nur ansatzweise das Niveau eines James Earl Jones, der als Thulsa Doom einen fremdartigen Zauberer mit echter Motivation verkörperte.

Im Film gibt es eine direkte Referenz an Howards The Tower of the Elephant, als einer der Nebendarsteller Conan auf seinen Sieg über den bösen Zauberer Yara und seinen berühmten Turm in Zamora anspricht: Ein netter Wink an Howard-Fan Boys wie mich. Was folgt, ist Ernüchterung. Die Hintergrundgeschichte über das untergegangene Nekromantenreich Acheron und seine letzten Vertreter mag vielleicht eine passende Motivation für Zym und Marique bieten, ist aber nicht viel mehr als ein gängiger Stereotyp aus dem Fundus altbekannter Fantasy-B-Movies. Drehbuch und Plot basieren auf grundlegenden Dungeons&Dragons-Klischees, die sich gelegentlich an Howards Orten, Namen und Konzepten orientieren. Dessen hat sich zwar auch schon der Film von 1982 schuldig gemacht, aber wenigstens gelang es Milius, das Hyborische Zeitalter mit einem nach wie vor unerreichtem Design, vielen Details und einer unerreicht guten Ausstattung im Geiste Howards auf die Leinwand zu zaubern. Und das ist der Hauptknackpunkt dieses Films: Es fehlt ihm an Originalität und Mut. Zu keiner Zeit gelingt es Nispel, das Hyborische Zeitalter auch nur ansatzweise in seiner ganzen Pracht und Größe darzustellen, geschweige denn der ursprünglichen Vision Howards gerecht zu werden. Stellenweise erinnern die Kulissen sogar an Xena und Hercules (die 90er Serie). Anstatt sich mehr an den reichen Vorgaben der literarischen Vorlage zu orientieren, wurde ein Drehbuch aus altbackenen Fantasy-Klischees zusammengeschustert, dessen einzige Berechtigung damals wohl war, eine Basis für weitere Sequels bereitzustellen. Da der Film floppte, kann dieser Ansatz allerdings zu Recht als gescheitert gelten.

Der junge Conan

Der junge Conan

Als weiterer Kritikpunkt müssen leider auch die vielen Action-Szenen genannt werden. Sie sind unübersichtlich, wirr und schlecht geschnitten. Und es sind zu viele. Nicht falsch verstehen, Conan hat natürlich ein schonungsloser und blutiger Action-Film zu sein, aber wenn jede dieser Szenen zu einer anstrengenden Qual an schlecht-choreographiertem Rumgetanze wird, dann kann das über die Dauer eines Films recht ermüdend sein. Wirklich peinlich waren folgende „Darstellungen“: 1. Conans Vater reckt Baby-Conan zum Himmel (während einer Schlacht) und schreit grundlos. 2. Der junge Conan reckt sein Schwert zum Himmel (während im Hintergrund sein Heimatdorf brennt) und schreit grundlos. 3. Conan steht zum Ende des Films am Grab seines Vaters, reckt sein Schwert zum Himmel und schreit – erneut – grundlos. Diese drei Szene alleine können einem ästhetisch sensiblen Menschen den ganze Film ruinieren. Bei mir haben sie zumindest ein intensives Gefühl der Fremdscham hervorgerufen.

Die größte Kritik muss sich allerdings der Komponist der Filmmusik gefallen lassen. Im Gegensatz zu Basil Poledouris Meisterwerk ist der Soundtrack des 2011er-Films nur eins: langweilig, austauschbar und ohne jeglichen Wiedererkennungswert. Um zu verdeutlichen, wie wichtig und stilprägend der Soundtrack für den Original-Film war, hier eine Szene aus der Endschlacht, die fast ausschließlich aus orchestraler Musik und Bildern besteht:

Fazit: Der Film darf als Versuch gelten, das Conan-Franchise erneut zu beleben. Mit Jason Momoa trat damals ein vielversprechender Schauspieler das Erbe Schwarzeneggers an. Leider versagte der Film in fast allen anderen Bereichen und floppte gnadenlos, sowohl bei Kritikern, Publikum und eingefleischten Howardianern. Das wirkliche Potential, sowohl des Films, als auch der literarischen Vorlage, wurde zu keiner Zeit ausgeschöpft.

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~ von 21ghostwriters - 2014/10/07.

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