Barbarische Übersetzung: Conan im Heyne-Verlag

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Conan, Heyne, 1967

Der Heyne-Verlag machte sich jüngst sehr verdient, indem er nach langer Abstinenz die Original Conan-Erzählungen Robert E. Howards neu übersetzen, und in drei wunderschön illustrierten Sammelbänden publizieren ließ. Natürlich ist es immer schwer, die Sprachgewalt eines ausländischen Autors wie Howard sinngerecht wiederzugeben, aber in diesem Fall hat man einen ganz guten Job gemacht.

Dass ein solcher Anspruch und Qualitätsstandard nicht immer garantiert war, musste ich jüngst am eigenen Leib erfahren. Um meine Conan-Sammlung weiter aufzustocken, hatte ich bei ebay einen ganzen Stapel alter Heyne-Schinken aus den späten 60ern ersteigert, die neben den bekannten Originalen auch die gesammelten Pastiches und „postmortalen Zusammenarbeiten“ von L. Spraque de Camp und Lin Carter enthielten.

I – Licht und Schatten

Conan-The-Adventurer

Conan the Adventurer, Lancer Books, 1966

Beiden Autoren ist es maßgeblich zu verdanken, dass Robert E. Howards Lebenswerk nicht der Vergessenheit anheim fiel. De Camp hatte sich zum Ziel gesetzt, den Nachlass Howards zu verwalten, die Geschichten Conans in eine chronologische Reihenfolge zu bringen, und die Lücken in dessen Lebenslauf mit eigenen Erzählungen aufzufüllen. Dazu kam eine kleine Anzahl von Storys, die Howard zwar begonnen, aber nie beenden konnte. De Camp und Carter nahmen diese Fragmente und komplettierten sie in ihrem Sinne.

Doch die Bearbeitungswut der Autoren erstreckte sich (leider) auch auf die Originale. Carter war wohl das, was man in unseren Tagen einen fanboy nennen würde, De Camp aber sah sich als Schriftsteller, der Howard handwerklich und an Talent überlegen war. Er kannte keine Scham und schrieb selbst so Klassiker wie The Tower of the Elephant und Rogues in the House nach Belieben um. Eine heute als anmaßend bewertete Tat, die ihn  in den Augen vieler Conan-Fans zu einem Schurken und Objekt zahlreicher Anfeindungen werden ließ.

De Camp

De Camp

Fairerweise muss man sagen, dass diese von ihm und Carter bearbeitete Saga in den 60ern und 70ern einen wahren Sword&Sorcery-Hype auslöste und in Kombination mit den legendären Frazetta-Covern dafür sorgte, dass der schwarzhaarige Cimmerier endgültig in die Popkultur einging. Wollte man damals Howard lesen, gab es an De Camp und Carter kein Vorbeikommen. Ihre Geschichten inspirierten Autoren wie Comic-Zeichner gleichermaßen. Und selbst wenn ihr Gesamtwerk kritisch betrachtet werden kann, so muss man doch zugeben, dass so „postmortale Zusammenarbeiten“ wie The Hand of Nergal oder The Thing in the Crypt unweigerlich mit dem Mythos Conan verbandelt sind.

II – Zweifelhafte Übersetzung

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Carter

Und um genau diese Bücher soll es hier gehen. Heyne hatte sich 1967 die Rechte an Conan gesichert und damit begonnen, dessen zusammengeschusterte Abenteuer-Biographie ins Deutsche zu übersetzen. Die Bücher waren nie umfangreicher als 150 Seiten, kosteten nie mehr als 4 DM und waren darüberhinaus nie auf hochwertigem Papier gedruckt. Sie galten als Pulp, Schund, Groschenromane. Und leider wurde sie von Seiten des Verlags auch so behandelt. Ich war doch recht überrascht (negativ), als ich mich mit der fürchterlichen und sehr „freien“ Übersetzung konfrontiert sah. Im Vergleich mit der englischsprachige Ausgabe ließ Heyne  ganze Sätze weg, strich Absätze, fügte Inhalte zusammen und veränderte die Erzählstruktur. Herauskam ein fast unlesbare Textbrei aus uninspirierten Kurzsätzen, der mir beinahe die Lust an den De Camp/Carter-Storys genommen hätte. Um das „Metzger-Handwerk“ einmal anschaulich darzustellen, habe ich mir einmal The Hand of Nergal vorgenommen und die beiden Texte gegenübergestellt. Es folgt der Beginn des ersten Kapitels aus der deutschen Fassung:

„Crom!“

Verblüfft richtete der junge Krieger den Blick nach oben. Bis  auf sein Lendentuch und die bis zur halben Wade geschnürten  Sandalen war er nackt. Zwar war er beritten in die Schlacht gezogen, aber sein Tier war einem Pfeil zum Opfer gefallen,  und der junge Mann war gezwungen, den Kampf zu Fuß  fortzusetzen. Hiebe gegnerischer Schwerter hatten seinen Schild  zertrümmert, so daß er ihn fortwarf und mit dem Schwert allein kämpfte.

Nun nahte plötzlich Entsetzen vom Himmel, unter dem  sich zwei große Armeen einen erbitterten Kampf lieferten.

Hier auf der weiten turanischen Steppe wogte die gewaltige Streitmacht Yildiz’, des Königs von Turan, in dessen Armee  der junge Cimmerier als Söldner diente, dort stemmten sich ihr seit fünf Stunden die Legionen Munthassem Khans entgegen,  des rebellischen Statthalters der zamorischen Grenzgebiete im nördlichen Turan. Langsam sanken seltsame Geschöpfe  auf die Kämpfenden nieder. Es waren schwarze, schattenhafte  Ungeheuer mit weitgewölbten Schwingen. Die beiden Armeen kämpften weiter, ohne sich des Unheils,  das sich über ihren Köpfen zusammenzog, bewußt zuwerden.

Nur Conan sah von seinem kleinen Hügel aus, wie die unheimlichen Wesen vom Himmel herabschwebten. Er stützte sich auf sein Schwert und beobachtete die  Geschöpfe, die kaum Substanz zu besitzen schienen. Sie  waren fast durchsichtig, wie Wolken schwarzen Dampfes oder wie die schattenhaften Geister mächtiger Vampirfedermäuse.  Grüne geschlitzte Augen funkelten bösartig.

Starr vor Furcht sah der Barbar, wie die Geschöpfe sich  auf das Schlachtfeld stürzten und zuschlugen. Schreie des  Schmerzes und des Entsetzens stiegen aus den Reihen der  Soldaten des Königs. Wo immer ein schattenähnlicher Teufel niederstieß, blieb ein toter Krieger zurück. Zu Hunderten fielen  die seltsamen Wesen über die Kämpfer her, bis die Reihen der  turanischen Armee ins Wanken gerieten. Die Männer warfen die Waffen fort und wandten sich zur Flucht.

„Kämpft, ihr Hunde! Bleibt stehen und kämpft!“ Eine hohe  Gestalt auf einer großen schwarzen Stute versuchte der Flucht  Einhalt zu gebieten. Conan erkannte eine silberne Kette unter dunkelblauem Mantel, sah ein scharfgeschnittenes Gesicht  mit gebogener Nase und dunklem Bart unter einem spitzen  stählernen Helm. Conan wußte, wer der Reiter war – Bakra  aus Akif, der General König Yildiz’.

Eine laute Verwünschung ausstoßend, zog der Kommandeur  seinen indischen Säbel und hieb wie ein Berserker um sich.  Vielleicht wäre es ihm gelungen, die Flucht zum Stehen zu  bringen, aber einer der Schatten schwang sich von hinten auf  ihn nieder. Er entfaltete seine durchsichtigen Schwingen zu  tödlicher Umarmung, und die Gestalt des Reiters erstarrte.  Conan sah sein Gesicht, das plötzlich bleich wurde und dessen  Augen starr vor Furcht waren; die Gesichtszüge hinter den Schwingen wirkten wie eine Maske hinter einem Schleier aus dünner schwarzer Spitze.

Marvels The Hand of Nergal von John Buscema & Ernie Chan

Marvels The Hand of Nergal von John Buscema & Ernie Chan

Mal davon abgesehen, dass ein „indischer Säbel“ im Kontext des Hyborischen Zeitalters mehr als paradox erscheint, ist dieser Absatz  von einer so unterdurchschnittlichen Qualität, dass ich die Geschichte schon nach den ersten 10 Seiten aufgegeben hatte. Doch dann gab ich dem englischsprachigen Original eine Chance. Und siehe da:  Ein völlig anders wirkender Text:

„CROM!“

The oath was torn from the young warrior’s grim-set lips. He threw back his head, sending his tousled shock of black hair flying, and lifted his smouldering blue eyes skyward. They widened in sheer astonishment. An eery thrill of superstitious awe ran through his tall, powerfully-built body, which was burnt brown by fierce wasteland suns, broad-shouldered and deep-chested, lean of waist, long of leg, and naked save for a rag of cloth about his loins and high-strapped sandals.

He had entered the battle mounted, as one of a troop of irregular cavalry. But his horse, given him by the nobleman Murilo in Corinthia, had fallen to the foemen’s arrows at the first onset and the youth had fought on afoot. His shield had been smashed by the enemy’s blows: he had cast it aside and battled with sword alone.

Above, from the sunset-smouldering sky of this bleak, wind-swept Turanian steppe, where two great armies were locked in a fury of desperate battle, came horror.

The field was drenched in sunset fires and bathed in human blood. Here the mighty host of Yildiz, king of Turan, in whose army the youth served as a mercenary, had fought for five long hours against the iron-shod legions of Munthassem Khan, rebellious satrap of the Zamorian Marches of northern Turan. Now, circling slowly downwards from the crimson sky, came nameless things whose like the barbarian had never seen or heard of before in all his travels. They were black, shadowy monsters, hovering on broad, arch-ribbed wings like enormous bats.

The two armies fought on, unseeing. Only Conan, here on this low hill, ringed about with the bodies of men his sword had slain, saw them descending through the sunset sky.

Leaning on his dripping blade and resting his sinewy arms for a moment, he stared at the weird shadow-things. For they seemed to be more shadow than substance—translucent to the sight, like wisps of noisome black vapor or the shadowy ghosts of gigantic vampire bats. Evil, slitted eyes of green flame glared through their smoky forms.

And even as he watched, nape-hairs prickling with a barbarian’s dread of the supernatural, they fell upon the battle like vultures on a field of blood—fell and slew.

Screams of pain and fear rose from the host of King Yildiz, as the black shadows hurtled amongst their ranks. Wherever the shadow-devils swooped, they left a bloody corpse. By the hundred they came, and the weary ranks of the Turanian army fell back, stumbling, tossing away their weapons in panic.

„Fight, you dogs! Stand and fight!“ Thundering angry commands in a stern voice, a tall, commanding figure on a great black mare sought to hold the crumbling line. Conan glimpsed the sparkles of silver-gilt chain mail under a rich blue cloak, and a hawk-nosed, black-bearded face, kingly and harsh under a spired steel helm that caught the crimson sun like a polished mirror. He knew the man for King Yildiz‘ general, Bakra of Akif.

With a ringing oath, the proud commander drew his tulwar and laid about him with the flat of the blade. Perhaps he could have rallied the ranks, but one of the devil-shadows swooped on him from behind. It folded vaporous, filming wings about him in a grisly embrace and he stiffened. Conan could see his face, suddenly pale with staring, frozen eyes of fear—and he saw the features through the enveloping wings, like a white mask behind a veil of thin, black lace.

Wer also Interesse daran hat, die umfangreichen Beiträge von De Camp und Carter zu lesen, sollte dies wenn möglich in englischer Sprache tun. Vermutlich tragen die schlechten Übersetzungen des Heyne-Verlags eine Mitschuld daran, dass Conan in Deutschland nie den selben Stellenwert wie in der englischsprachigen Welt erlangen konnte. Man stelle sich nur vor, dass ein Herr der Ringe damals in ähnlich suboptimaler Qualität behandelt worden wäre …

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~ von 21ghostwriters - 2014/10/22.

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