Empfehlung: C. L. Moore – Black God’s Kiss

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Klassisches Cover, klassischer Inhalt

Oder: Die erste Fantasy-Heldin von allen!

Gemeinhin gilt Sword&Sorcery ja als Männerdomäne. Muss es aber nicht, wie diese Heldin eindrucksvoll beweist: Jirel of Joiry stammt aus der Feder der US-amerikanischen Autorin C. L. Moore und wurde 1934 das erste Mal auf den Seiten des Weird Tales-Magazins der Öffentlichkeit vorgestellt. Bemerkenswert: Sie war nicht nur der erste Sword&Sorcery-Charakter nach Howards Conan, sondern auch der erste weibliche Charakter in diesem Genre überhaupt!

Moores Fiktion greift auf exotische Landschaften zurück, deren Beschreibung und Verortung stets eine Schlüsselrolle einnehmen und die Atmosphäre der Geschichte entscheidend prägen. Natürlich ist Jirel geschult im Umgang mit aller Art von Waffen, ihre wahren Stärken liegen aber in ihrem Temperament, ihrem eisernen Willen und ihrem Streben nach Unabhängigkeit. 2007 bracht Paizo (Pathfinder) alle fünf bekannten Jirel-Storys in einem Sammelband mit dem Namen Black God’s Kiss neu heraus, wofür man der Spieleschmiede gar nicht oft genug danken kann, drohte die Figur doch beinahe der unverdienten Vergessenheit anheim zu fallen. 

I – Der Zorn einer Frau

Aber gucken wir uns den Inhalt des englischsprachigen Buchs genauer an. Jirel tritt in allen Erzählungen als selbstbewusste Person auf, deren Wille und Bestimmung das Geschehen vorantreiben. Der primäre Konflikt in jeder Geschichte ist – wenngleich typischerweise immer eine tödliche Bedrohung – ein Konflikt um Jirels inneren Kampf und Hadern mit dem ihr zugedachten Schicksal. Zu Beginn der ersten Story, die für den Sammelband namensgebende Black God’s Kiss, kommt diese Bedrohung von einem jungen, wie ambitionierten Feldherrn, der plündernd in Jirels Ländereien einfällt (eben jenes Joiry, ein fiktiver, mittelalterlicher Landstrich in Frankreich), allerdings mehr begehrt, als nur Reichtum und Macht. Er begehrt die attraktive Jirel selbst und möchte sie zu seinem Eigentum machen.

Das Weird Tales Cover, 1934

Das Weird Tales Cover, 1934

Jirels Zorn darüber – und über einen aufgezwungenen Kuss – treibt sie schließlich in eine Konfrontation mit außerweltlichen Schrecken und Wesenheiten, die ihrer Rache an Eroberer Guillaume die nötige Schärfe kredenzen sollen. Die Geschichte bietet auch einen seltenen Einblick in Jirels Schwäche, als ihr Drang nach Unabhängigkeit sie blind für tiefere Emotionen macht. Guillaume ist bereits tot, ermordert durch ihre Hand, als ihr die romantischen Gefühle für ihn bewusst werden. Tragisch.

II – Surrealer Trip ins Schattenreich

grimdark

Soso …

Andere Geschichten überzeugen wiederum durch ihre, mal mehr mal weniger subtilen, Horror-Elemente. Und dies verwundert auch nicht, bedenkt man, dass die rotschopfige Heldin zwischen den Seiten von Weird Tales geboren wurde, eben jenem Magazin, dass auch so Granden des Grusels wie H. P. Lovecraft hervorgebracht hat. Am eindringlichsten ist hierbei die Story Hellsgarde. In Hellsgarde dringt Jirel in eine versteckte und heimgesuchte Festung ein, die von einer mysteriösen Macht in Besitz genommen wurde. Es ist auffällig, wie deutlich und plastisch der Horror hier in den Vordergrund tritt. Wenn sich beispielsweise vor den Toren der Burg ein Wald aus gepfählten Wachen erhebt, und einer dieser dort aufgespießten Körper – von Moore mit spürbarer Freude geschrieben – effektvoll und glitschig am Pfahl zu Boden gleitet, dann vergisst man einen Moment, dass Autoren wie George R. R. Martin und Joe Abercrombie 80 Jahre später in die Schwachsinns-Genrekiste Grimdark gepackt werden – als hätte es zuvor nur Elfen auf Einhörnern gegeben …

In den anderen Geschichten ist es voranging die Landschaft, die das Seltsame und Makabere transportiert. Black God’s Kiss und Black God’s Shadow bieten dem Leser fremde Dimensionen mit unbekannten Sternensystemen. Jirel Meets Magic spielt in einem völlig von Wald bedecktem Land, das sich hinter der Tür eines Magierturms erstreckt. Und The Dark Land versetzt die Heldin nach ihrem Tod in ein bizarres Jenseits. Immer wieder gelingt es Moore, eine Landschaft zu zeichnen, deren Beschaffenheit und typische Atmosphäre sich gänzlich von den uns bekannten Genre-Klischees unterscheidet. Stellenweise kommt das sehr surreal daher und erinnert ein wenig an die multidimensionalen und psychedelischen Abenteuer von Michael Moorcocks Albino-Prinzen Elric of Melniboné.

Moore und Kuttner

Moore und Kuttner

Die Storys verfügen alle über einen gewissen, zeitlosen Charme. Sie sind darüberhinaus noch genauso gut zu lesen, wie vor 80 Jahren. Moore war bei Weird Tales bestens aufgehoben, und es ist eine Schande, dass ihr der Ruhm ihrer männliche Kollegen verwehrt blieb. Zugegeben, ich habe die letzte Geschichte der Sammlung, Quest of the Starstone (eine Zusammenarbeit mit Moores Ehemann Henry Kuttner), übersprungen, da sie ein Crossover mit Jirel und Norhtwest Smith, einem weiteren Charakter aus Moores Feder, darstellt. Ich werde dies nachholen, sobald ich etwas weiter in die Abenteuer des Sci-Fi-Helden Northwest Smith eingetaucht bin. Bis dahin empfehle ich jedem Fantasy-Fan, der die erste Heldin des Genres kennenlernen möchte, sich diese Kollektion zuzulegen. Tut euch den Gefallen. Moores Geschichten leben von einer Atmosphäre der Bedrohung, die in moderner Fantasy nur noch selten zu finden ist.

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~ von 21ghostwriters - 2014/12/09.

Eine Antwort to “Empfehlung: C. L. Moore – Black God’s Kiss”

  1. Danke für den Hinweis auf diese offensichtlich als Juwel einzustufende Wiederveröffentlichung samt sauberer Kommentierung. Das macht Appetit. 2002 ist das auch auf Deutsch im Verlag Festa erschienen

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